Follow Dr. Daniel Kalt

SNB malt schwarz – aus falschem Grund

| Tags: Daniel Kalt

Der Schweiz geht’s prächtig. Doch die SNB singt weiterhin das Klagelied der Deflationsgefahr – denn sie kann nicht anders. Die Nationalbank steckt im Dilemma, weil das Schlimmste bereits hinter uns liegt.

In ihrer jüngsten geldpolitischen Lagebeurteilung hat die SNB einmal mehr das Klagelied der Deflationsgefahr angestimmt. Das war auch nicht anders zu erwarten. Denn nachdem sie im letzten Sommer unter dem Schock der Franken-Euro-Parität eine Untergrenze bei 1.20 gesetzt hat, ist sie quasi dazu verdammt, die Risiken aus Schuldenkrise und Konjunkturschwäche in Europa sowie die Deflationsgefahren als äusserst dramatisch darzustellen. Würde sie ihr Konjunkturszenario ins Positive drehen, würden wohl sofort Zweifel an der Entschlossenheit zur Durchsetzung der Untergrenze aufkommen. Währungsattacken würden nicht ausbleiben und die SNB dazu zwingen, ihre Drohung wahr zu machen und notfalls in unbegrenztem Ausmass Euros aufzukaufen.


Eher Inflation als Deflation
Das Problem der SNB ist, dass das Schlimmste möglicherweise bereits hinter uns liegt. Und dass es nicht zu dem Konjunktur-Kollaps kommt, den einige Pessimisten heraufbeschworen haben. Im vierten Quartal 2011 – neuere Zahlen sind nicht verfügbar –  hat das Bruttoinlandprodukt in der Schweiz um 0,1% zugenommen. Und die meisten vorauseilenden Indikatoren haben inzwischen Boden gefunden. Alles andere als eine tiefe Rezession also. Das will nicht heissen, dass es keine Exporteure oder Tourismusbetriebe gibt, welche die Frankenstärke hart zu spüren bekommen. Aber im Gegenzug führen rekordtiefe Zinsen und die anhaltend hohe Immigration dazu, dass der Konsum sowie die Bau- und Immobilienwirtschaft weiterhin kräftig wachsen. Daran wird auch die zu unser aller Überraschung angenommene Zweitwohnungsinitiative wenig ändern.


Ausserdem weisen die meisten monetären Statistiken eher auf Inflation hin als auf Deflation. Die Geldmenge M1 (Bargeldumlauf) wächst derzeit mit 12 Prozent, M3 (Bargeld plus Spar- und Termineinlagen) mit 8 Prozent, und die Hypothekarkredite legen Jahr für Jahr um 5 Prozent und mehr zu. Wir haben daher – wie auch das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO – die Wachstumsprognose für die Schweiz nach oben revidiert und erwarten 2012 neu 0,9 anstelle von lediglich 0,4 Prozent reales Wirtschaftswachstum. Selbst die SNB hat in ihrer Lagebeurteilung zugegeben, dass die Wirtschaft besser läuft als noch im Dezember angenommen.


Das wirkliche Risiko lauert im Immobilienmarkt
Die SNB befindet sich in einem enormen Dilemma. Das zeigt sich deutlich, wenn sie von «zunehmenden Anzeichen von Ungleichgewichten in der Wirtschaft» und den damit verbundenen «Risiken für die Finanzstabilität» spricht. Damit meint sie im Klartext, dass sie Angst hat vor einer Immobilienblase und vor einem neuen Bankensterben im Stile der 90er-Jahre. Ein Worst-Case-Szenario sähe demnach etwa so aus: Weiterhin extrem tiefe Zinsen und anhaltend hohe Immigration treiben die Immobilienpreise für zwei bis drei weitere Jahre in immer höhere Sphären. Die enorme Geldmengenausweitung wird zu spät rückgängig gemacht und 2014 beginnen weltweit die Inflationsraten markant anzusteigen. Die Folge: ein eigentlicher Zinsschock. Um die Inflation zu bekämpfen, müssen die Notenbanken die Zinsen um fünf bis sechs Prozent anheben – es folgen eine Rezession und ein Einbruch am Immobilienmarkt.