Follow Jürg Zeltner

„Wir reden über sehr viel Geld“

| Tags: Jürg Zeltner

Der oberste Vermögensverwalter der UBS sieht eine Spaltung der Gesellschaft, hält den Kulturwandel der Bank für vollzogen und erwägt einen neuen deutschen Standort.

<b>Jürg Zeltner:</b> Der Chef der Vermögensverwaltung von UBS erstellt eine Europabank.

‚‚ Wir sehen einen zunehmenden Graben zwischen dem Mittelstand und den Vermögenden. Manche der von den Protestierenden formulierten Anliegen sind daher durchaus verständlich. ‚‚

Das Treffen mit dem Chef der weltgrößten Vermögensverwaltungsbank findet hoch über der Frankfurter Innenstadt im 42. Stock des mondänen Opernturms statt. Doch abgehoben ist die Stimmung im Interview mit Jürg Zeltner in der Deutschlandzentrale der UBS keineswegs. Stattdessen zeigt sich der Züricher Bankmanager eher nachdenklich und sorgt sich wegen der zunehmenden Ungleichgewichte in Europa.

Herr Zeltner, erst vor wenigen Wochen waren hier am Frankfurter Opernturm der UBS die Spuren von Blockupy zu sehen: Farbbeutel an der Fassade, Scheiben eingeschlagen. Leben wir in einer gespaltenen Gesellschaft?

Wir sehen einen zunehmenden Graben zwischen dem Mittelstand und den Vermögenden. Und wir haben eine sehr hohe Arbeitslosigkeit in den europäischen Südländern. Manche der von den Protestierenden formulierten Anliegen sind daher durchaus verständlich. Für Vandalismus und Krawalle habe ich allerdings kein Verständnis.

Droht durch die Geldflut der Europäischen Zentralbank die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinanderzugehen?
Ja. Die EZB injiziert zwar mehr Liquidität in die Finanzmärkte, aber das Geld muss richtig verteilt werden, damit es zu mehr Wirtschaftswachstum führt. Denn in Europa machen wir die Banken kleiner, kapitalstärker und liquide. Im Ergebnis schrumpfen wir die Kreditmärkte und schwächen damit die Wirtschaftskraft.

Haben Sie als Banker noch Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Notenbanken?
Die massiven Kapitalspritzen mit der Glaubwürdigkeit der Notenbanken zu verknüpfen, finde ich gefährlich. Schließlich versuchen sie, so gut es geht, das System zu stabilisieren. Aber wir reden natürlich über sehr viel Geld, historisch sehr viel Geld.

Stichwort Euro-Raum: Sie wollen eine Europabank aufbauen, die den gesamten Währungsraum mit einer Vollbanklizenz bedient. Wie weit sind diese Pläne gediehen?
Die Schweiz hat derzeit noch keinen vorbehaltlosen Marktzugang zum Euro-Raum. Deshalb treiben wir die Ideen für eine Europabank mit voller Kraft voran. Da geht es um Fragen der Kapitalausstattung, Lizenzen, Standorte.

Wird die Europabank in Frankfurt beheimatet sein?
Es spricht viel für Deutschland, aber es gibt auch andere mögliche Standorte.

Wann wird es entschieden?
Voraussichtlich werden wir noch in diesem Jahr darüber entscheiden. Parallel dazu muss auf der politischen Ebene die Fragen des Marktzuganges gelöst werden.

Mit welchen Einsparungen und Investitionskosten rechnen Sie?
Für uns ist der Zugang zum europäischen Markt wichtig, das ist ein Kernmarkt für uns. Eine einzelne Lizenz für den gesamten Euro-Raum brächte jährliche Einsparungen von rund hundert Millionen Euro.

Das zuletzt harte internationale Vorgehen gegen Steuerhinterzieher hat im Europa-Geschäft in den vergangenen Jahren zu einem Mittelabfluss geführt. Wann tritt die Trendumkehr ein?
Beim in der Schweiz gebuchten Europa-Geschäft haben wir im Schnitt 25 Prozent der verwalteten Vermögen verloren, weil viele Kunden ihre Steuerbelange in Ordnung gebracht haben. Mit Ausnahme von Griechenland und von Italien, wo dieser Prozess gerade läuft, ist dieses Thema für uns jetzt erledigt. Und im vierten Quartal 2014 verzeichneten wir viel weniger Abflüsse. Daher ist das Europabank-Projekt auch ein Zeichen dafür, dass wir in Europa nach einem schmerzhaften Anpassungsprozess weiterhin zu Hause sein und wachsen wollen.

Die Banken scheinen extrem spät und langsam auf die Problematik reagiert zu haben. Schließlich tauchen immer wieder Altfälle auf. Auch gegen die UBS wird in Frankreich und Belgien noch ermittelt.
UBS hat die Steuerthematik sehr früh erkannt und gehandelt. Die angesprochenen Rechtsfälle beziehen sich auf die Vergangenheit, werden aber durch die heutige Brille beurteilt. Das ist bei uns so, das ist bei anderen Banken so. Sie reden über einen Anpassungsprozess an die neuen Standards, den wir schnellstmöglich umsetzen. Von außen betrachtet sieht das dann immer zu langsam und träge aus.

Hat denn überhaupt ein Kulturwandel bei den Mitarbeitern stattgefunden?
Der Kulturwandel ist vollzogen. Unsere Berater mussten ihre Kunden anrufen und von ihnen den Nachweis einfordern, dass ihre Vermögen versteuert sind. Im Jahr 2009 hat die Strafzahlung in den USA die Bank aufgerüttelt. Damals wurde allen klar, dass die Steuerthematik höchste Aufmerksamkeit verdient.

Würden Sie das auch für die Branche insgesamt sagen?
Ich kann nur für UBS sprechen. Mein Eindruck ist: Die Branche hat es akzeptiert, aber die Frage ist, wie sehr es tatsächlich von jedem Einzelnen verinnerlicht ist. Ich habe noch nie einen Banker gesehen, der gerne Kundenvermögen verliert.

VITA JÜRG ZELTNER

Der Manager Der 46-jährige ist Vorstand der Schweizer UBS und leitet mit der Vermögensverwaltung den wichtigsten Konzernbereich des Geldhauses. Im Streit um die Steuerhinterziehung ausländischer Kunden machte er zuletzt schwere Zeiten durch. Für mehrere Jahre führte der Schweizer die UBS in Deutschland. 

Das Institut Die UBS kommt nicht zur Ruhe. Zuletzt nahm Frankreich Ermittlungen wegen Geldwäsche auf. Weltweit hat die Bank auf eine Weißgeldstrategie in der Vermögensverwaltung umgeschaltet. Das schadet dem Institut nicht. Mit zwei Billionen Franken steht es an derSpitze der weltgrößten Vermögensverwalter 

Brauchen Sie eigentlich noch die Investmentbank? Sie können sich doch einfach auf die profitable Vermögensverwaltung konzentrieren.
Die Antwort ist eindeutig: Ja. Wir nutzen den Wertpapierhandel, den Währungshandel und die Beratungskompetenz der Investmentbank.

Aber ärgert es Sie nicht, dass die Investmentbank immer wieder für Skandale verantwortlich ist?
Als Konzernleitungsmitglied ärgert mich jegliches Fehlverhalten in der Bank. Wir wollen eine Bank betreiben, die erfolgreich ist, und wir wollen unser Geschäft redlich betreiben. Und wenn ich den Hut der Vermögensverwaltung aufziehe, ist etwas vom Schlimmsten für mich eine schlechte Schlagzeile. Es gibt aber auch ein persönliches Motiv: Wenn Sie wie ich über drei Jahrzehnte bei der UBS arbeiten, würden Sie gerne auch wieder mal eine positive Phase erleben, in der Sie sich nicht ständig erklären und um die Reputation der Bank sorgen müssen.

Die Entkoppelung des Schweizer Franken vom Euro Anfang des Jahres hat hohe Wellen an den Finanzmärkten geschlagen. Was waren die Folgen für die UBS?
Der größte Teil unserer Erträge ist in Fremdwährungen, aber wir haben noch einen substanziellen Teil unserer Kosten in der Schweiz. Die Schweiz war ohnehin schon ein teurer Standort, und der ist jetzt noch mal deutlich teurer geworden. Wir werden nun nicht neue Kostenprogramme starten, aber wir werden die bestehenden konsequent und rasch vorantreiben.

Dabei werden auch Jobs an günstigere Standorteverlagert, etwa von New York nach Nashville. Wieviele Jobs könnten davon betroffen sein?
Da reden Sie von substanziellen Zahlen, aber wie gesagt, wir starten jetzt keine neuen Kostenprogramme. 

Hunderte oder Tausende?
Ein Konzern, der 60000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, meint mit substanziell nicht Hunderte, und dieser Prozess hat bei uns schon vor Jahren begonnen. Die gesamte Finanzbranche befindet sich in einer Phase der Industrialisierung. Wir machen jetzt das, was andere Branchen längst hinter sich haben. Konkrete Zahlen kann ich nicht nennen.

Bedeutet das auch eine Verlagerung von Jobs in Billiglohnländer?
Nicht zwingend. Es gibt auch inländische Standorte, die heute attraktiv sind. Wenn Sie zum Beispiel ein wenig aus New York nach Nashville rausgehen, haben Sie riesige Kostenvorteile. Sie können auch hier nur ein wenig weg vom UBS-Turm in Frankfurt gehen, dann sparen Sie ebenfalls Kosten.

Sie denken also auch in Deutschland über derartige Schritte nach?
Was wäre ein geeigneter Standort?
Wenn es mehr Platz braucht, muss man auch Standorte außerhalb von Frankfurts Zentrum prüfen. Deutschland ist ein zentraler Markt für UBS, und wir zeigen mit dem Opernturm, dass wir gerne in Frankfurt zu Hause sind.

Das heißt, Teile der Europabank würden vor den Toren Frankfurts angesiedelt?
Ich würde die gesamte Europabank sicher nicht an den teuersten Standort legen können. Aber wie gesagt, es ist noch nichts entschieden.


Herr Zeltner, vielen Dank für das Interview.

Das Gespräch führten Robert Landgraf und Daniel Schäfer.