
Die globalen Anleihenmärkte eskomptieren nun ein höheres Wachstum und einen stärkeren Inflationsdruck in den USA, als zuvor erwartet. Der Konflikt im Nahen Osten dürfte langwieriger als erhofft sein und die Versorgungsstörungen bei Öl werden voraussichtlich andauern.
Starke Beschäftigungszahlen in den USA, das stetige Wirtschaftswachstum und der dort zunehmende Preisdruck (insbesondere im Dienstleistungssektor) haben die Hoffnungen auf eine geldpolitische Lockerung durch die US-Notenbank Fed gedämpft und vielmehr zu verstärkten Erwartungen weiterer geldpolitischer Straffungsmassnahmen geführt. Die Fed nahm im September eine restriktive Zinserhöhung vor und entschied einstimmig, den Leitzins um 25 Basispunkte (Bp.) anzuheben. Ihre Prognosen deuten auf einen mittleren Zinspfad mit zwei weiteren Erhöhungen und unveränderten Zinsen im Jahr 2027 hin. Die Wirtschaftsprognosen für die PCE- und die Kern-PCE-Inflation wurden nach oben korrigiert. Wir erwarten im Dezember eine weitere Zinserhöhung der Fed.
In der Eurozone hat die Europäische Zentralbank (EZB) erst vor Kurzem die Zinsen angehoben. Ihre aktualisierten Prognosen deuten darauf hin, dass der Inflationsdruck hartnäckiger sein wird, als bislang angenommen. Die Gesamtinflation wird für das Jahr 2026 auf 3,0%, für 2027 auf 2,5% und für 2028 auf 2,1% angesetzt. Im Vergleich zu den Prognosen vom Juni wurden die Vorhersagen für 2027 und 2028 um 0,2 beziehungsweise 0,1 Prozentpunkte nach oben korrigiert. Die Renditen von Staatsanleihen aus Kernländern befanden sich zuletzt auf einem der höchsten Stände seit der globalen Finanzkrise. Wir rechnen nun mit einer erneuten Zinserhöhung der EZB im Dezember.
Anlegerinnen und Anleger, die bereits in Anleihen investiert sind, können durch steigende Renditen und fallende Anleihenkurse beunruhigt werden. Jedoch auf längere Sicht – und für Anleger, die überschüssige Barmittel halten – ist unserer Ansicht nach möglicherweise ein guter Zeitpunkt gekommen, um festverzinsliche Allokationen zu überprüfen und eine Neugewichtung in Betracht zu ziehen.
Höhere Anfangsrenditen können ein besseres Polster bieten
Während eines Grossteils des vergangenen Jahrzehnts boten Anleihen auf vielen Märkten lediglich geringe Ertragschancen. Die Anfangsrenditen waren extrem niedrig und boten somit kaum ein Renditepolster, um volatile Marktphasen auszugleichen. Die derzeitige Situation ist hingegen eine ganz andere.
Während die Anleihenkurse nach wie vor empfindlich auf Zinsschwankungen reagieren, können die Anleger nun zu deutlich höheren Renditen am Markt einsteigen. Dieser Ertragsstrom leistet somit wieder einen Grossteil der Arbeit. Bei Investment-Grade-, Hochzins- und Schwellenländeranleihen tragen die Couponerträge dazu bei, die Auswirkungen steigender Renditen abzufedern und die Wahrscheinlichkeit von Verlusten bei einem Anlagehorizont von zwölf Monaten zu verringern.
Trotz einer deutlichen Neubewertung des geldpolitischen Ausblicks, steigender Renditen bei Staatsanleihen und Inflationssorgen können viele Anleihensektoren nach wie vor positive Gesamterträge erzielen, da die Erträge die Kursrückgänge der Anleihen bislang mehr als ausgeglichen haben. Nach unserem Dafürhalten hat sich das Verhältnis zwischen Renditen und Erträgen für langfristige Anleger deutlich verbessert.
Höhere Renditen bedeuten auch, dass Anleger über ein grösseres Renditepolster verfügen. Die Break-even-Berechnungen legen nahe, dass viele Fixed-Income-Sektoren in der Lage sind, einen erheblichen Anstieg der Renditen zu verkraften, bevor die Gesamterträge negativ werden. So müssten beispielsweise die Spreads bei Investment-Grade- und Hochzinsanleihen, die auf Euro lauten, um rund 90 Bp. beziehungsweise 180 Bp. steigen, damit die Gesamterträge auf null sinken, während der entsprechende Wert für Unternehmensanleihen aus Schwellenländern (JPM CEMBI Index) bei rund 150 Bp. liegt.
Wenngleich die Prognosen für Kursgewinne bei Anleihen angesichts gestiegener Zinserwartungen nachgelassen haben, bleiben die erwarteten Gesamterträge über einen Zeitraum von zwölf Monaten in mehreren wichtigen Anleihensektoren positiv und möglicherweise attraktiver als bei Beständen in überschüssigen Barmitteln.
Weshalb und wie man ein Anleihenportfolio diversifiziert
In einer Welt, die von hartnäckigen Inflationsrisiken, anhaltenden geopolitischen Unwägbarkeiten und sich wandelnden geldpolitischen Erwartungen geprägt ist, bleibt die Diversifikation unabdingbar. Anstatt sich nur auf ein einziges Anleihensegment zu fokussieren, könnten Anleger widerstandsfähigere Portfolios aufbauen, indem sie Qualitätsanleihen staatlicher Emittenten, Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating, ausgewählte Hochzinsanleihen und Schwellenländeranleihen miteinander kombinieren.
Qualitätsanleihen spielen auf Portfolioebene nach wie vor eine wichtige Rolle als Stabilisierungsfaktor und Ertragsquelle. Generell bevorzugen wir Anleihen von kurzer bis mittlerer Laufzeit. In der Eurozone könnte die Kombination aus attraktiven Gesamtrenditen und aufwärts tendierenden Renditekurven (bei denen Anleger für die Übernahme eines höheren Zinsrisikos belohnt werden) einige taktische Chancen eröffnen, die Duration bei hochwertigen europäischen Staatsanleihen zu verlängern.
Unsere Präferenz gilt dabei vor allem den nordeuropäischen Emittenten mit der höchsten finanziellen Solidität. Darüber hinaus können wir ausgewählte Chancen in Ländern erkennen, in denen fiskalische und politische Unwägbarkeiten noch immer attraktive Risikoprämien im Verhältnis zu den Fundamentaldaten unterstützen.
Gleichzeitig können Anleihensektoren das Renditepotenzial steigern, sofern die Fundamentaldaten günstig bleiben. Das aktuelle Marktumfeld legt einen selektiven Ansatz nahe, da die Spreads in mehreren Sektoren bereits verhältnismässig eng sind.
Die Anlagebeurteilung von Anleihen aus Schwellenländern
Anleihen aus Schwellenländern stellen unserer Meinung nach unvermindert eine der attraktivsten Anlagemöglichkeiten im globalen Anleihenmarkt dar. Wir sind der Ansicht, dass diese Anlageklasse mit attraktiven Erträgen, Diversifikationsvorteilen und zunehmend stabilen Fundamentaldaten aufwartet. Viele staatliche Emittenten haben ihre Aussenhandelsbilanz gestärkt, während Unternehmensemittenten im Allgemeinen eine konservative Verschuldung und eine solide Gewinndynamik aufweisen.
Auch die günstigen technischen Rahmenbedingungen sind der Entwicklung zuträglich. Während sich die Spreads nahe ihrem historischen Tiefststand bewegen, wird indes das Ertragspotenzial nach wie vor durch vergleichsweise hohe Gesamtrenditen gestützt.