
Im Blätterwald wimmelt es täglichen von Krisenmeldungen: Der Krieg im Nahen Osten, Spannungen zwischen den USA und China, Androhungen von Straffzöllen, Schulden- oder Regierungskrisen, der steigende Wettbewerbsdruck aus China – ja sogar der Fussball-Weltmeisterschaft wird unterstellt, dass sie durch politische Kräfte beeinflusst worden wäre. Die Themen wechseln, das Gefühl der Unsicherheit bleibt. Die Welt scheint im Wandel und es ist zunehmend schwierig, diese Entwicklungen aufgrund ihrer Komplexität und Vernetzung einzuordnen. Und dadurch werden oft auch die Anlageentscheide beeinträchtigt.
Eine wirksame Strategie für Anlegerinnen und Anleger ist, solchen Schlagzeilen nicht eine zu hohe Bedeutung beizumessen. Wer sich aber trotzdem mit solchen Themen auseinandersetzen will, ist gut beraten, dies systematisch zu tun. Der jährlich erscheinende Global Risk Report des World Economic Forum (WEF) ist eine von vielen Quellen, die sich systematisch mit solchen Themen auseinandersetzt, die Relevanz der Entwicklungen einordnet, nach Ursachen sucht und gegenseitige Abhängigkeiten aufzeigt. Das erlaubt Anlegern nicht nur, Risiken besser einordnen zu können, sondern auch, die daraus resultierenden Chancen zu erkennen.
Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Weltordnung tatsächlich im Wandel ist. Die Ursachen dafür sind vielfältig. In der Klassifizierung des WEF beispielsweise wird zwischen geopolitischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, technologischen und ökologischen Ursachen unterschieden.
An dieser Vielfältigkeit dürfte sich auch in den kommenden Jahren nur wenig ändern. Themen wie der gezielte Einsatz von Zöllen, Sanktionen, Exportkontrollen oder Subventionen, die geopolitische Konfrontation, bewaffnete Konflikte, gezielte Falschinformation und die steigende gesellschaftliche Polarisierung dürften Anleger auch in den kommenden Jahren beschäftigten. Hinzukommen dürften Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen, Hitzewellen oder Stürme, mit negativen Auswirkungen auf Menschen, Infrastruktur und Wirtschaft. Technologie und Innovation spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle: Bei der Entwicklung der künstlichen Intelligenz und diversen anderen Schlüsseltechnologien, wie beispielsweise Quantencomputer, oder beim Wettstreit um die Vorherrschaft im Weltraum dürften sich in den kommenden Jahren Nutzniesser etablieren. Sie bringen aber auch Verlierer hervor – beides mit Auswirkungen auf Länder, Sektoren und Unternehmen.
Die Ursachen für den Wandel sind aber nicht nur vielfältig, sie sind auch miteinander verknüpft. Ein Krieg oder eine Sanktion ist oft nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs. Dahinter stehen tiefere, oft komplexe und langfristige Entwicklungen, die durch Machtverschiebung und Multilateralismus begünstigt und verstärkt werden: Einerseits bewegt sich die Welt weg von einer klaren, US-dominierten Ordnung hin zu einer multipolaren, fragmentierten Struktur. Damit können regionale Akteure neue Regeln setzen und auch die einst etablierten Standards für Zusammenarbeit und Handel sich verändern. Damit einher geht die sinkende Schlagkraft von internationalen Institutionen, womit auch das Finden von gemeinsamen Lösungen für globale Themen wie Klima, Schulden oder Sicherheit erschwert werden kann. Gleichzeitig verstärkt die wachsende Ungleichheit gesellschaftliche Spannungen, schwächt das Vertrauen in Politik und Institutionen und erhöht damit die Anfälligkeit für Populismus und Polarisierung. Hinzu kommt der mögliche Einfluss der künstlichen Intelligenz, von Cyberrisiken und neuen Technologien auf Arbeitsmärkte, Informationsflüsse und Sicherheitsstrukturen.
Der schnelle Aufstieg Chinas zur Weltmacht hat die Weltordnung ebenfalls verändert. Gerade in der Wirtschaft setzt China viele andere Länder unter Druck, da es in vielen Sektoren längst nicht mehr nur Herausforderer, sondern oft bereits Taktgeber ist. Bei Forschung, Patenten, KI, Cleantech, Verteidigung und Raumfahrt hat es die USA teilweise eingeholt oder sogar überholt. Europa – und damit der wichtigste Handelspartner der Schweiz – liegt heute in vielen Bereichen im Hintertreffen und dürfte in den nächsten Jahren noch weiter zurückfallen. Das Belfer Center in Massachusetts publiziert jährlich einen Index, der die Wettbewerbsposition von 25 Ländern in fünf Schlüsseltechnologien misst (KI, Biotechnologie, Halbleiter, Quantencomputing und Raumfahrt). Die USA führt diese Rangliste zwar weiterhin mit 84 Punkten an, China liegt aber bereits auf Platz zwei (65 Punkte), deutlich vor Europa und Japan, die mit 42 beziehungsweise 24 Punkten auf Platz drei und vier liegen.
Unser Fazit: Die Welt(un)ordnung ist im Wandel, getrieben von einer Vielzahl von Ursachen, die oft voneinander abhängen. Verständlich, dass angesichts dieser Vielfalt und Komplexität die Risikobereitschaft und -fähigkeit beim Investieren leiden kann. Gleichzeitig entstehen in diesen Veränderungen aber auch neue Wachstumsfelder, was aus Risken Opportunitäten machen kann. Anleger sind somit gut beraten, nicht nur das Was einer Krise, sondern auch das Warum zu verstehen. Wer sich systematisch mit den Zusammenhängen zwischen Geopolitik, Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie und Umwelt beschäftigt, dürfte eher gewillt sein, sein Portfolio so auszurichten, dass Risiken limitiert werden können, aber gleichzeitig auch das Potenzial von strukturellen Opportunitäten berücksichtigt werden kann.