Thought of the Week Die Schweizer Wirtschaft trotzt der Krise

Die Schweizer Wirtschaft zeigte sich im ersten Quartal robuster als erwartet und wir halten die Aussichten weiterhin für positiv, sowohl für die Industrieproduktion als auch den Dienstleistungssektor. Eine Stabilisierung im Mittleren Osten könnte den Ausblick noch verbessern; mit tieferen Energiepreisen und Inflationsrisiken dürfte auch die SNB weniger Druck verspüren, die Zinsen rasch zu erhöhen. Für Anlegerinnen und Anleger dürfte das Umfeld für Risikoanlagen damit konstruktiv bleiben. Diversifikation und Strategien für den Kapitalerhalt bleiben aber dennoch sinnvoll, um sich auf künftige Volatilität vorzubereiten.

von Michael Bolliger 26. Jun 2026

Die Schweizer Konjunktur präsentiert sich im Moment positiver als noch im Frühjahr. Sie ist im ersten Quartal mit 0,7 Prozent im Quartalsvergleich gewachsen, ein solides Resultat, insbesondere angesichts der merklichen Turbulenzen, beispielsweise bei den Energie- und Rohstoffpreisen, und der anhaltenden Unsicherheit. Zu den Wachstumsimpulsen beigetragen haben sowohl der Dienstleistungs- als auch der Industriebereich.

Aber nicht nur das erste Quartal war robust, auch die aktuelle Lage wird von Schweizer Unternehmen positiv eingeschätzt. Der Einkaufsmanagerindex der Industrie lag im Mai bei 57,3 Punkten, dem höchsten Niveau seit fast vier Jahren. In der Vergangenheit gingen solch hohe Werte mit einer Beschleunigung der Industrieproduktion einher. Aber auch im Dienstleistungssektor wird die Lage robust eingeschätzt; der entsprechende PMI liegt bei 56 Punkten, also einem ähnlich hohen Niveau.

Hinzu kommt, dass sich die Lage im Nahen Osten stabilisieren dürfte. Eine dauerhafte Öffnung der Strasse von Hormus kann nicht nur die Märkte, sondern auch die Schweizer Konjunktur unterstützen. Die Unterzeichnung einer Absichtserklärung zwischen den USA und dem Iran war diesbezüglich sicherlich eine positive Entwicklung, auch wenn viele der Details mit dieser Vereinbarung noch nicht geregelt sind, der Waffenstillstand fragil bleibt und weitere Rückschläge wahrscheinlich bleiben dürften.

Eine vollständige Normalisierung am Ölmarkt könnte jedoch mehrere Monate in Anspruch nehmen. Entsprechend erwarten wir, dass die Ölpreise für den Rest des Jahres weiterhin über den Vorkriegsniveaus handeln werden. Die Unsicherheit dürfte aber möglicherweise schon früher nachlassen, was sich nicht nur positiv auf die Märkte, sondern auch auf die Konjunktur auswirken könnte.

Der Konflikt im Mittleren Osten war auch ein zentrales Thema für die Schweizerische Nationalbank (SNB). Während die Europäische Zentralbank auf den Inflationsanstieg reagierte und den Leitzins im Juni um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent erhöhte, verzichtete die SNB auf eine Erhöhung und beliess ihren Leitzins unverändert bei 0 Prozent. Sie begründete die weiterhin expansive Geldpolitik mit der niedrigen Inflation und der unterdurchschnittlichen Wirtschaftsauslastung. Mit dem jüngsten Rückgang der Energiepreise dürften die Inflationsrisiken weiter sinken, weshalb wir auch in den kommenden Monaten von einem unveränderten Leitzins ausgehen.

Eine erste Zinserhöhung erwarten wir darum frühestens im Verlauf von 2027. Sollte sich im zweiten Halbjahr oder zu Beginn des nächsten Jahres eine weitere Wirtschaftsbeschleunigung abzeichnen, dürfte der Markt wieder Zinserhöhungen der SNB einpreisen, was auch die Renditen hiesiger Staatsanleihen beeinflussen könnte. Und natürlich können wir nicht ausschliessen, dass unvorhergesehene Wendungen im Nahostkonflikt auch weiterhin für erhöhte Volatilität an den Schweizer Anleihenmärkten sorgen.

Trotzdem halten wir es für zu früh, um Konjunkturrisiken beiseitezuschieben. Einerseits weil sich die Verhandlungen zwischen den USA, dem Iran und Israel in den letzten Monaten oft als fragil herausstellten, anderseits aber auch wegen den möglicherweise stark verzögerten Auswirkungen des Krieges auf globale Lieferketten, Wachstum und Inflation.

Ein zentrales Risiko ist ein Szenario, in dem die Strasse von Hormus zwar geöffnet wird, diese Öffnung aber nur verzögert geschieht oder auch wieder vorübergehend rückgängig gemacht wird. Damit würde die Unsicherheit bestehen bleiben und die Auswirkungen auf Wachstum und Inflation könnte möglicherweise zunehmen, da mittlerweile viele der strategischen Öl-, Gas- und Rohstoffreserven stark dezimiert sind. Die Energie- und Rohstoffpreise dürften in diesem Fall schnell wieder ansteigen und auf einem hohen Niveau verbleiben – oder sogar noch höhere Werte erreichen.

Aber auch die Auslandsnachfrage bleibt weiterhin mit Unsicherheiten behaftet. Das US-Wachstum zeigt sich war resilient, aber die US-amerikanischen Zölle, die wieder erhöht werden könnten, könnten die Schweizer Exporte weiter belasten. Und auch in Europa könnte eine höhere Inflation das Wachstum und damit die Nachfrage nach Schweizer Exporten weiter belasten.

Unser Fazit? Erstens, dass die Schweizer Wirtschaft die Krise im Mittleren Osten bis jetzt relativ gut überstanden hat. Und einiges deutet darauf hin, dass sich das Wachstum auch in der zweiten Jahreshälfte solid entwickeln könnte. Zweitens, dass sich eine solche Erholung, trotz der bestehenden Risiken, positiv auf die Märkte auswirken dürfte. Anlegerinnen und Anleger dürften also gut beraten sein, auch in der zweiten Jahreshälfte an ihren Risikoanlagen festzuhalten. Eine gute Diversifikation, gerade auch bei konzentrierten Positionen in Technologieaktien und Strategien zur Kapitalerhaltung können dabei helfen, sich auf weitere Marktturbulenzen vorzubereiten. Denn solche werden uns ziemlich sicher auch in der zweiten Jahreshälfte beschäftigen.

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