Einblicke in die Anlagestrategie Zentralbanken, Inflation und Argumente für Qualitätsanleihen

Während die Zentralbanken den Balanceakt zwischen Inflationsrisiken und nachlassendem Wachstum zu bewältigen versuchen, sollten Anlegerinnen und Anleger über die Schlagzeilen hinausblicken und sich auf Qualitätsanleihen konzentrieren, um das derzeitige von Unsicherheit geprägte politische Umfeld zu bewältigen.

von Dean Turner 03. Jun 2026

Mit dem Näherrücken der nächsten Zentralbanksitzungen richtet sich der Fokus der Anleger zunehmend auf die EZB, die am 11. Juni wieder zusammentritt. Während die Fed, die Schweizerische Nationalbank (SNB), die Bank of England, die norwegische Norges Bank und die schwedische Riksbank ihre Zinssätze unverändert lassen dürften, geht der Konsens davon aus, dass die EZB ihren Einlagensatz um 25 Basispunkte (Bp.) anheben wird. Unserer Einschätzung nach ist eine Zinserhöhung im Juni sehr wahrscheinlich. Darauf wird im Juli vermutlich eine weitere Erhöhung folgen, wenngleich wir in Bezug auf den Zeitpunkt der zweiten Massnahme nur wenig Überzeugung hegen. Je nachdem, wie sich die Konjunkturdaten ausnehmen und wie lange der Konflikt im Nahen Osten andauert, könnte dieser zweite Zinsschritt auf September verschoben werden oder ganz ausfallen. Für die Sitzung im Juni schliesst sich das Zeitfenster für Meldungen, welche die EZB zu einer Zinspause veranlassen könnten, jedoch rasch.

Der Grund für die restriktive Haltung der EZB liegt darin, dass ihr Mandat ausschliesslich der Inflationsbekämpfung gilt, im Gegensatz zur Fed, die bei der Festlegung der Zinssätze sowohl von Wachstums- als auch von Inflationsüberlegungen geleitet wird. Aufgrund der erneut steigenden Preise in der Eurozone sind die Entscheidungsträger der EZB verständlicherweise vorsichtig. Ihnen ist durchaus bewusst, dass die aktuellen Massnahmen die unmittelbaren Preisanstiege nicht verhindern können, da diese unvermindert vor allem durch die Energie‑ und Transportkosten verursacht werden. Ihre eigentliche Sorge gilt den möglichen Zweitrundeneffekten: Unternehmen könnten auch in nicht direkt von höheren Energiekosten betroffenen Branchen ihre Preise anheben. Dies würde wiederum stärkere Lohnforderungen begünstigen und eine höhere Inflation in der Wirtschaft verankern. Bislang gibt es kaum Hinweise auf eine solche Entwicklung, was auch im Protokoll der April‑Sitzung festgehalten wurde. Gleichwohl sind viele Mitglieder des EZB‑Rats der Auffassung, dass das Risiko hierfür zunimmt. Das Dilemma besteht darin, dass es eventuell für vorbeugende Massnahmen schon zu spät ist, wenn derlei Auswirkungen durch offizielle Daten bestätigt werden.

Währenddessen haben die Märkte bereits Zinserhöhungen eingepreist, sodass ihre unmittelbare Reaktion auf einen Schritt der EZB im Juni verhalten ausfallen dürfte. Tatsächlich könnte die Reaktion sogar stärker ausfallen, sollte sich die EZB für eine abwartende Haltung entscheiden. Ausschlaggebend ist nicht die Zinsentwicklung in den nächsten Monaten, sondern vielmehr wo sich die Erwartungen in einem Jahr befinden werden. Kurzfristige Zinserhöhungen erscheinen nachvollziehbar, doch die Annahme, dass der Leitzins über längere Zeit bei 2,5% verharrt, ist weniger überzeugend. Das Wachstum lässt nach, die Realeinkommen bleiben unter Druck und der Arbeitsmarkt schwächt sich ab. Eine auf unbestimmte Zeit restriktive Geldpolitik ist kaum zu rechtfertigen.

Diese Beobachtung gilt auch für andere Zentralbanken. Die Terminzinsen deuten darauf hin, dass die Geldpolitik in den USA und in Grossbritannien in einem Jahr restriktiver sein wird. Angesichts der bereits klar erkennbaren Abschwächung an den Arbeitsmärkten und der nachlassenden Lohndynamik in der Eurozone halten wir dies jedoch für wenig wahrscheinlich.

Für Anleger ergeben sich in diesem Umfeld Chancen. Wir erkennen weiterhin Wertpotenzial bei Qualitätsanleihen, vor allem solchen mit kurzer bis mittlerer Duration. Die Renditen sind bereits gestiegen, was es den Anlegern ermöglicht, attraktive Erträge zu sichern. Sollten die Wachstumsdaten enttäuschen, dürften Anleihen hiervon profitieren, da die Zentralbanken in der Folge zu Zinssenkungen übergehen würden.

Abschliessend stellen wir fest, dass eine kurzfristige Straffung der Geldpolitik in der Eurozone zwar wahrscheinlich ist. Es spricht jedoch wenig dafür, dass die Zinsen dauerhaft auf erhöhtem Niveau bleiben. Ein umsichtiger Ansatz besteht darin, die aktuellen Renditen zu nutzen, den Fokus auf Qualität zu legen und auf mögliche Veränderungen in den Verlautbarungen der Zentralbanken zu achten, sobald Wachstumsrisiken stärker in den Vordergrund rücken.

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