CIO Essentials Energiespitzen und Anleihenrenditen: Warum der Markt überreagiert hat

Fragile Waffenruhen, zeitweise eingeschränkter Zugang zu wichtigen Schifffahrtswegen und anhaltende geopolitische Spannungen verändern die globale Wirtschaft. Der Konflikt im Iran hat für einen deutlichen Anstieg der Ölpreise gesorgt und die Unsicherheit über Wachstum und Inflation erhöht. Die Zentralbanken stehen nun vor einem schwierigen Balanceakt zwischen Inflationsbekämpfung und Konjunkturstützung, während Anlegerinnen und Anleger die Rolle von Anleihen, Gold und anderen defensiven Anlagen in ihren Portfolios neu bewerten. Welche Strategien können in diesem anspruchsvollen Umfeld helfen, Risiken zu steuern – und Chancen zu nutzen?

von UBS CIO GWM 13. May 2026

Der Ausgang des Konflikts im Iran und seine wirtschaftlichen Folgen bleiben schwer abschätzbar. Allerdings hat sich der globale Konjunkturausblick seit Beginn des Kriegs eindeutig verschlechtert. Die Schliessung der Strasse von Hormus hat an den Ölmärkten rasch für einen Verknappungseffekt gesorgt. Wir rechnen nun mit einem Preis für Brent-Rohöl von USD 100 pro Barrel im Juni und USD 90 zum Jahresende – was mehr als 30 Prozent über den Levels von vor dem Krieg liegt.

Für die USA dürfte sich der Konflikt im Iran in erster Linie durch eine höhere Inflation bemerkbar machen und möglicherweise die Zustimmungswerte für die Regierung im Vorfeld der Zwischenwahlen im November belasten. Die Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum erscheinen jedoch begrenzt, nicht zuletzt wegen der führenden Rolle des Landes als Öl- und Gasexporteur sowie des Impulses durch höhere Militärausgaben.

In Europa gehen die Auswirkungen des Konflikts dagegen über die Inflation hinaus und belasten das Wirtschaftswachstum stärker: Öl- und Gasimporte sind teurer geworden und in einigen Sektoren zeigen sich bereits erste Anzeichen von Druck. Dies ist teilweise durch die hohe Sparquote der privaten Haushalte abgefedert worden.

Die Zentralbanken stehen weiterhin im Fokus und vor einem Dilemma: Heben sie die Zinsen an, um die Inflation einzudämmen, riskieren sie eine Rezession. Setzen sie der Inflation hingegen nichts entgegen, drohen Lohn-Preis-Spiralen, die nur schwer wieder unter Kontrolle gebracht werden können.

Im Vergleich zur Inflationswelle nach dem Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 ist der Ausgangspunkt für die Inflation heute niedriger. Und während die Abkehr von russischem Gas ein strukturelles Ereignis war, dürfte die Schliessung der Strasse von Hormus nur vorübergehend sein.

Daher erwarten wir, dass sich die Zentralbanken trotz einer Inflation von voraussichtlich über 3 Prozent auf beiden Seiten des Atlantiks geduldiger zeigen könnten als in der Vergangenheit. Die EZB könnte die Zinsen unverändert lassen, in ihrer Kommunikation aber auf mögliche Anhebungen hinweisen. Die BoE könnte Anfang nächsten Jahres sogar die Zinsen senken und die Fed könnte im September und Dezember jeweils eine Zinssenkung um 25 Basispunkte vornehmen.

Der Anleihemarkt scheint dies jedoch anders zu sehen: Die Renditen spiegeln inzwischen mehrere Zinserhöhungen dieser Zentralbanken in den kommenden Monaten wider. Aus unserer Sicht ist diese Reaktion überzogen, da die Kombination aus höheren Energiepreisen und höheren Zinsen in einer Rezession münden könnte. In diesem Fall wäre es nötig, die Zinsen bereits nach wenigen Quartalen wieder zu senken. Als Folge könnten die Renditen sinken, sobald sich die Energiepreise normalisieren, was den Anleihenkursen zugutekäme. Wir halten hochwertige Anleihen mit kurzen und mittleren Laufzeiten für attraktiv, ergänzt durch selektive Engagements in Schwellenländeranleihen und Hochzinsanleihen.

Der Krieg trägt durch höhere Ausgaben für Rüstung und Subventionen zur Begrenzung der Energiekosten zudem zu einer steigenden Staatsverschuldung bei. Das ist zwar ein globales Thema, zeigt sich aber besonders deutlich in den USA, wo das Defizit seit der globalen Finanzkrise 2008 im Durchschnitt bei über 6 Prozent lag.

Der Anstieg der US-Verschuldung könnte US-Staatsanleihen – traditionell ein Eckpfeiler der Märkte – volatiler machen und langfristig bis zu einem gewissen Grad auch den US-Dollar belasten. Nach der deutlichen Korrektur seit Beginn des Kriegs im Iran könnte die Suche nach vermeintlichen Zufluchtswerten – insbesondere in einem Umfeld monetärer Entwertung zur leichteren Schuldenbewältigung – Gold mittelfristig daher erneut zugutekommen.

In einem solchen Szenario könnten manche Anleger versucht sein, bei Rekordhochs Gewinne bei Aktien mitzunehmen und ihre Barbestände zu erhöhen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Unterinvestition – also im Vergleich zur idealen Vermögensallokation zu viel Liquidität und zu wenig Aktien zu halten – oft mit einem grösseren Risiko einhergeht, nämlich dem schleichenden Verlust realer Kaufkraft über die Zeit.

Daher haben wir seit Jahresbeginn unsere Gesamtallokation in Aktien nicht verändert, sondern die Zusammensetzung angepasst: Wir haben das Engagement in Technologie, Banken, Europa und Indien reduziert und defensivere Bereiche wie Pharmazeutika sowie die Schweiz aufgestockt. Wir halten diesen Ansatz weiterhin für angemessen: konzentrierte Aktienpositionen diversifizieren, aber insgesamt konstruktiv bleiben, um positive Wendungen guter Nachrichten nicht zu verpassen.

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