
Der Iran-Konflikt stellt einen klassischen Schock bei der Energieversorgung für die Weltwirtschaft dar. Ein derartiger Schock bedeutet, dass Angebotsengpässe anstelle einer höheren Nachfrage die Energiepreise in die Höhe treiben. Alle Zentralbanken sind sich bewusst, dass sich eine Inflation, die eher durch ein geringeres Angebot als durch eine höhere Nachfrage verursacht wird, kaum mit geldpolitischen Mitteln bekämpfen lässt. Höhere Zinsen dämpfen nämlich lediglich die Ausgaben, erhöhen jedoch nicht das Angebot. Viele werden jedoch der Ansicht sein, dass die Geldpolitik einen effektiven Beitrag leisten kann, um die Inflationserwartungen vor allem auf mittlere Sicht einzudämmen.
Der Fed-Vorsitzende Jerome Powell hat unlängst betont, dass eine geldpolitische Straffung für gewöhnlich nicht die richtige Reaktion auf Angebotsschocks sei, und er es stattdessen vorziehe, solche Ereignisse zu «ignorieren», solange sich die Inflationserwartungen nicht entkoppeln. Eine Analyse der Federal Reserve Bank of Dallas zeigt, dass der zusätzliche Preisdruck durch steigende Energiepreise nach einigen Monaten in der Regel rasch nachgibt und die Kerninflation kaum beeinflusst. Da die Inflation weiterhin über dem Zielwert liegt und die Unsicherheit hoch bleibt, insbesondere aufgrund der gestiegenen Energiekosten wegen der Spannungen im Nahen Osten, bleibt die Fed vorsichtig und wartet bis auf Weiteres ab. Denn vor einer Lockerung ihrer Geldpolitik benötigt sie klare Hinweise auf einen anhaltenden Rückgang der Kerninflation. Folglich dürfte sich nach unserem Dafürhalten die erste Zinssenkung von Juni auf September verschieben. Insgesamt ist für 2026 aber weiterhin von einer Senkung um 50 Basispunkte (Bp.) auszugehen.
Der Markt rechnet im Moment mit zwei Zinserhöhungen der EZB bis zum Jahresende. Die Chancen, dass die EZB die Zinsen in diesem Jahr anhebt, sind zweifelsohne deutlich gestiegen. In ihrer eigenen Szenarioanalyse, die anlässlich ihrer Sitzung im März veröffentlicht wurde, verdeutlichte die EZB, dass sich der Iran-Konflikt stärker auf die Inflation als auf das Wachstum auswirkt. Für eine Zentralbank, deren einziges Mandat in der Inflationsbekämpfung besteht, ist der Wunsch, die Zinsen anzuheben, eine logische Konsequenz, um dem Risiko von Zweitrundeneffekten des Energieschocks – wie beispielsweise steigenden Lohnforderungen – entgegenzuwirken. Die Erfahrungen aus der Inflationsphase von 2022 – als die EZB die Zinsen aggressiv anhob – haben erheblichen Einfluss auf die Erwartungen der Anlegerinnen und Anleger, was die Reaktion der EZB auf einen aktuellen Energieversorgungsschock betrifft.
Wir sind jedoch der Ansicht, dass das aktuelle wirtschaftliche Umfeld ein ganz anderes ist und die EZB folglich auch anders reagieren dürfte. Damals trieb die Nachfrageerholung nach den pandemiebedingten Lockdowns die Inflation bereits deutlich über das Zielniveau hinaus und als der Einmarsch Russlands in die Ukraine und die darauf folgenden Störungen der Energieversorgung die Preise zusätzlich steigen liessen, betrug die Teuerungsrate beinahe 6%. Ausserdem befanden sich damals die Zinsen auf Rekordtiefs. Heute sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eher weniger günstig. Obwohl sich die Inflation wieder dem EZB-Ziel von 2% annähert, hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt abgeschwächt. Darüber hinaus wurde bei der Geldpolitik erst vor Kurzem wieder ein neutraler Kurs eingeschlagen.
Angesichts der Risiken, die der Nahostkonflikt für die Wachstumsaussichten birgt, und der schon jetzt verschärften Finanzierungsbedingungen an den Anleihenmärkten halten wir es für unwahrscheinlich, dass die EZB voreilig die Zinsen anheben wird. Stattdessen dürfte sie abwarten, um die Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftlichen Aussichten in den kommenden Monaten zu beurteilen. Folglich wird die EZB unserer Einschätzung nach den aktuellen Inflationsschock voraussichtlich ignorieren und die Zinsen bei ihrer nächsten Sitzung im April unverändert lassen.
Unserer Ansicht nach haben die Märkte in den letzten Wochen eine zu starke geldpolitische Straffung durch die führenden Zentralbanken eingepreist. Der Anstieg der Renditen massgeblicher Staatsanleihen in USD, EUR und GBP hat deren Attraktivität zusätzlich erhöht, während die aktuellen Markterwartungen gemessen an unserer Einschätzung, dass die Fed ihren Lockerungskurs mittelfristig weiterverfolgen dürfte, noch immer zu restriktiv erscheinen. Vor diesem Hintergrund weisen erstklassige Anleihen mit kurzer Duration unserer Meinung nach ein attraktives Risiko-Rendite-Profil auf. In einem Risikoszenario, in dem die Wachstumsbedenken zunehmen und sich die Finanzierungsbedingungen weiter verschärfen, dürften Anleihen von höherer Qualität und mit längerer Duration besser abschneiden.
Anleger sollten unserer Meinung nach nicht versuchen, auf Basis geopolitischer Ereignisse zu handeln. Vielmehr sollten sie investiert bleiben und Massnahmen ergreifen, um ihre Portfoliorisiken allmählich abzubauen, je länger der aktuelle Energieschock andauert. Wir empfehlen, ein allzu hohes Engagement in den riskanten Aktienmärkten zu diversifizieren und sich in strukturellen Wachstumsbereichen sowie in defensiven Märkten zu engagieren.
Die Aussicht auf einen anhaltenden Konflikt vergrössert die Anfälligkeit von traditionellen Aktien- und Anleihenportfolios, da sich die Korrelationen allmählich angleichen und die Vorteile der Diversifizierung dadurch untergraben werden. Unseres Erachtens sollten Anleger Phasen der Marktvolatilität nutzen, um über die traditionellen Anlageklassen hinaus zu diversifizieren. Folglich sind wir der Meinung, dass eine Partizipation am Aufwärtspotenzial im US-Dollar, bei Öl und bei Rohstoffen im Allgemeinen dazu beitragen kann, Portfolios kurzfristig abzusichern, während wir mittelfristig auch bei Gold Wertpotenzial identifizieren.
Die Verhandlungspositionen der USA und des Iran bleiben weit voneinander entfernt. Es besteht Uneinigkeit über das Atomprogramm des Iran, das Thema von Kriegsreparationen und die Kontrolle der Strasse von Hormus. Unser Basisszenario bleibt jedoch, dass beide Seiten ein Interesse an einer diplomatischen Lösung haben. Dies dürfte es den Anlegern ermöglichen, sich allmählich wieder auf stabile Fundamentaldaten im Hinblick auf Wirtschaft und Unternehmensgewinne zu konzentrieren.
Unserer Ansicht nach bleibt es für Anleger entscheidend, Änderungen schrittweise umzusetzen und keine grossen, abrupten Verlagerungen bei ihren Portfolioallokationen vorzunehmen. Angesichts der geringen und weiterhin sinkenden Zustimmungswerte in den USA zum Nahostkonflikt sowie steigender Benzinpreise und Anleihenrenditen könnte ausserdem der Iran-Konflikt bald ein Ende finden. Dies würden die Märkte wohl als auf kurze Sicht optimistisches Signal werten, wenngleich in der Folge längerfristige Probleme wie die Sicherheit in der Strasse von Hormus und Irans Nukleararsenale bestehen bleiben.