Eine Regulierung, die der Schweiz dient

Ersterscheinung Neue Zürcher Zeitung Gastkommentar von Sergio P. Ermotti in der NZZ vom 7. Januar 2017

Das Basler Komitee für Bankenaufsicht, das derzeit Anpassungen der internationalen Kapitalanforderungen für Banken diskutiert, hat diese Woche entschieden, dass es mehr Zeit braucht, um diese zu finalisieren. Die Verzögerung ist im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass Regulatoren und Politiker in der EU fürchten, die neuen Regeln für Banken könnten die Volkswirtschaft gefährden. Man hat endlich realisiert, dass es nicht darum geht, ob sich einige Banken weitere Kapitalerhöhungen leisten können, sondern darum, ob solche Erhöhungen insgesamt mehr schaden als nützen.

Dies gilt auch für die Schweiz. Der Erfolg unserer Volkswirtschaft als einer der leistungsfähigsten der Welt wäre ohne das enge Zusammenspiel zwischen der exportorientierten Wirtschaft und dem starken, kompetitiven Finanzplatz nicht möglich. Laut IMD-World-Competitiveness-Index ist der Zugang zu Finanzdienstleistungen für Unternehmen in der Schweiz weltweit am leichtesten – auch dank dem grenzüberschreitenden Vermögensverwaltungsgeschäft, das internationales Kapital in unser Land holt. Ausserdem helfen die Banken der Exportwirtschaft mit dem Geschäft im Ausland. Dieses Zusammenspiel zwischen Werkplatz und Finanzplatz war und ist für den Aufbau des Wohlstands in der Schweiz entscheidend.

Auch für sich selbst genommen, sind die Banken ein bedeutender Wirtschaftszweig. Sie erwirtschaften Jahr für Jahr 6 Prozent des Schweizer BIP, zahlen Milliarden an Steuern, vergeben Aufträge in Milliardenhöhe an Schweizer KMU und kurbeln auch so das Wachstum und die Innovationsfähigkeit unseres Landes an. Um diese Erfolgsgeschichte fortzuführen, braucht es nicht nur Regulierung. Schweizer Banken müssen dreifach investieren, um weiterhin nachhaltig profitabel zu wirtschaften: Erstens ist mehr Zusammenarbeit möglich und notwendig in unserer Branche. Sie kann helfen, den Erwartungen der Kunden besser gerecht zu werden und Aufgaben effizienter zu erledigen. Solche Effizienzsteigerungen erlauben zweitens Investitionen in Innovation: Wir müssen intern wie extern Abläufe vereinfachen und dabei gleichzeitig sicher bleiben. Technologie ist hier eine grosse Chance. Mit den vielen hellen Köpfen und guten Ideen in unserem Land können und müssen wir Innovation vorantreiben. Drittens ist der Fokus auf Ausbildung zentral: Das duale Bildungssystem und die hohe Dichte an Top-Universitäten sind eine grosse Stärke der Schweiz. Diesen Vorteil müssen die Banken wie auch andere Teile der Wirtschaft darauf ausrichten, die Flexibilität der Arbeitskräfte in unserem Land weiterzuentwickeln. Agilität und flexibles Denken werden essenziell sein, um die Beschäftigung in einem sich wandelnden Umfeld zu sichern.

Gleichzeitig sind Banken in der Schweiz aber auf Rahmenbedingungen angewiesen, die internationale Wettbewerbsfähigkeit ermöglichen. In diesem Zusammenhang begrüsse ich die Entscheidung des Basler Komitees, sich mehr Zeit zu nehmen. Sie zeigt, dass Politiker und Regulatoren in unseren Nachbarländern und in Asien die negativen Konsequenzen einiger der diskutierten Regeln verstehen. Sie engagieren sich für eine vernünftige Lösung. Ihnen ist bewusst, dass sich Haushalte und Unternehmen – und das gilt auch für die Schweiz – mehrheitlich über Banken finanzieren und nicht, wie in den USA, über den Kapitalmarkt oder staatlich gesponserte Hypothekarinstitute. Erhöht man die globalen Kapitalanforderungen weiter, obwohl sie seit der Krise bereits um bis ein Zehnfaches angehoben wurden, werden Banken diese zusätzlichen Kosten der gesamten Volkswirtschaft in Rechnung stellen, um ihre gestiegenen Kapitalkosten zu decken.

Dieser öffentliche Dialog und die damit verbundene Unterstützung für eine sinnvolle, auf die Bedürfnisse der Schweiz angepasste Lösung fehlen, wie schon früher erwähnt, weiterhin in unserem Land. Die Schweiz muss sich in diesem Kontext stärker an Europa und Asien als an den USA orientieren. Die Politik sowie betroffene Teile der Gesellschaft sollten daran arbeiten, dass sich Verwaltung und Aufsichtsbehörden in die richtige Richtung bewegen. Ich bin für starke Regulierung, doch mehr macht uns in diesem Fall nicht stärker. Wir müssen den Mut haben, über Übertreibungen oder mögliche Fehler faktenbasiert zu diskutieren. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass die Nutzung interner Risikomodelle pauschal und populistisch als Kleinrechnen abgestempelt wird, um Standardmodelle zu rechtfertigen, die de facto keine Risikosensibilität haben.

Wir können uns Unwissen oder Gleichgültigkeit dieser Art gegenüber der Bedeutung der Banken für unsere Wirtschaftskraft nicht leisten. Die Schweiz hat dank ihrem Qualitätsbewusstsein, der stabilsten Regierung der Welt und einer liberalen Tradition gute Karten, damit sich unsere Wirtschaft auch in Zukunft im globalen Wettbewerb behaupten kann. Es ist wichtig, dass wir offen darüber sprechen, was wir tun oder lassen müssen, damit das so bleibt.

Sergio P. Ermotti ist Konzernchef UBS.

Kommentar zum Artikel „Europa ist kein Vorbild“ in der Finanz und Wirtschaft vom 11. Januar 2017

Die Finanz und Wirtschaft (FuW) hat am 11. Januar 2017 auf den obigen NZZ-Gastbeitrag von Sergio P. Ermotti direkt Bezug genommen. Wir begrüssen den Beitrag zur öffentlichen Diskussion, möchten aber folgende Punkte klarstellen und einige Fakten ergänzen:

  • Die FuW schreibt, dass die Schweiz, die USA und das Vereinigte Königreich von Anfang an auf einer Seite waren und Europa auf der anderen. Wirft man aber einen Blick über den Ärmelkanal, dann wird deutlich, dass auch die Regulatoren im Vereinigten Königreich die Ansicht vertreten, dass die Anforderungen bereits hoch genug sind und Regulierung auch zu weit gehen kann. So sagte Mark Carney, Gouverneur der Bank of England, bei verschiedenen Gelegenheiten, dass besonders internationale Grossbanken heute bereits bis zu zehnmal mehr Kapital halten müssen als vor der Krise.
  • Die Argumentation der FuW, die Eurokrise sei im Kern immer eine Bankenkrise gewesen, widerspricht der gängigen Lehrmeinung – es ging vielmehr um die hohe Staatsverschuldung, die nicht mehr zu verkraften war. Banken haben in der Vergangenheit starke Anreize ihrer Heimatstaaten erhalten, deren Schulden auf ihre Bilanz zu nehmen. In diesem Zusammenhang hätte die FuW auch die Tatsache erwähnen können, dass die Subprime-Krise in den USA und nicht in Europa ihren Ursprung hatte.
  • Die FuW verwirft das Argument, dass strengere Eigenmittelvorschriften der Volkswirtschaft schaden, mit dem Einwand, es "fehlt jede unabhängig erhobene Evidenz." Sämtliche Beiträge der Industrie werden damit verworfen, aber auch die Bank of England warnt vor dem negativen Grenznutzen weiterer Verschärfungen. Selbst FINMA-Chef Mark Branson hat bei der Pressekonferenz zur Schweizer Too-big-to-fail Gesetzgebung im Oktober 2015 öffentlich gesagt, dass mit dem TBTF2-Paket alles derzeit Mögliche getan wurde und mehr Regulierung nicht für mehr Sicherheit sorge.
  • Der Beweis dafür, dass zusätzliche Kapitalvorschriften Kredite verteuern, ist derzeit in der Schweiz zu beobachten. Trotz Negativzinsen sind die Kreditkosten gestiegen – auch wegen der zusätzlichen regulatorischen Auflagen und Kosten. Die Praxis hat die theoretische Annahme, es würde sich nichts ändern, längst überholt.
  • Die FuW erwähnt auch nicht, dass Regulatoren besonders in der Schweiz die Grossbanken dazu anhielten, interne Risikomodelle zu verwenden, da diese risikosensitiver sind. Die Risikomodelle werden dem Regulator regelmässig vorgelegt. Nach der Finanzkrise kann es sich keine Aufsichtsbehörde leisten, hier nicht genau draufzuschauen.
  • Das Argument der Überlegenheit interner Risikomodelle wird anerkannt, aber als "dünn" dargestellt. Als Begründung dienen der Rückgang der Risikogewichte nach 1994 und die Erfahrungen 2008. Der massive Anstieg der Risikogewichte nach 2008 unter anderem durch Basel 2.5 bleibt dabei unberücksichtigt.

Abschliessend und zur Klarstellung halten wir fest:

  • UBS unterstützt die bisher erfolgten Anpassungen an der Schweizer TBTF-Gesetzgebung, die teilweise erst 2019 voll in Kraft treten. Die Bank und ihr CEO fordern einzig, dass allfällige weitere Verschärfungen auf Basis einer bewussten Entscheidung erfolgen.
  • Dies erfordert eine öffentliche Diskussion, die sowohl die Politik, Regulatoren als auch die betroffene Branche einbezieht, um eine sinnvolle, auf die Bedürfnisse der Schweiz angepasste Lösung zu finden. In der Schweiz fehlt eine solche Diskussion bisher, anders als in Europa. Auf diesen Umstand ist hingewiesen worden. Das war die klare Botschaft. Es wurde jedoch nicht behauptet, die Schweiz solle den europäischen Bankensektor als Vorbild sehen, wie von der FuW unterstellt. Bereits in der Vergangenheit haben Vertreter von UBS gesagt, dass die Regulierung des britischen Bankensektors wohl am ehesten ein Massstab für die Schweiz ist, da dieser auch in Zukunft die stärkste Konkurrenz des hiesigen Finanzplatzes bleiben wird. Die Schweizerische Bankiervereinigung teilt im Übrigen die Ansicht, dass hierzulande kaum ein politischer Austausch zu den Konsequenzen verschärfter regulatorischer Anforderungen stattfindet.
  • Im Fall von UBS und auch anderen Banken in der Schweiz sind in den vergangenen Jahren die risikogewichteten Assets vor allem aufgrund des Abbaus von Positionen gesunken und es ist massiv Kapital beziehungsweise kapitalähnliche Instrumente aufgebaut worden. UBS hat beispielsweise ihre Risiken seit 2011 von CHF 380 Milliarden auf heute noch CHF 217 Milliarden reduziert. Gleichzeitig wurde die Bilanz von UBS über die vergangenen Jahre mehr als halbiert. Ihr gegenüber stehen in etwa CHF 75 Milliarden an Kapital bzw. kapitalähnlichen Instrumenten.
  • Es ist bedauernswert, dass eine Publikation, die den Anspruch hat, wirtschaftliche und finanzielle Sachverhalte umfassend zu erläutern, die oben genannten Tatsachen nicht komplett widerspiegelt und bewusst oder unbewusst den Vergleich mit Europa missversteht. Dies dient nicht einer sachlichen Diskussion und Aufklärung der Thematik.