Das Rad der Zeit hält kein Ökonom auf

April 2017 | 3 min

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Das Rad der Zeit hält kein Ökonom auf

Der Wert von Zeit ist für wirtschaftlichen Analysen von zentraler Bedeutung. Manche dieser beschränkten Ressourcen sind eindeutig physisch. In der Welt gibt es nur eine bestimmte Anzahl von Diamanten. Das ökonomische Problem - das zentrale Dilemma, dessen Lösung Auftrag der Ökonomen ist - lautet, dass der Mensch zwar unbegrenzte Bedürfnisse hat, aber nur über begrenzte Ressourcen verfügt, um diese Bedürfnisse zu erfüllen. Doch auch unsere Zeit ist begrenzt. Jeder Tag hat nur eine bestimmte Anzahl von Stunden.

Um das ökonomische Problem zu lösen, muss man also einen Weg finden, die begrenzten Ressourcen auf die grenzenlosen Bedürfnisse zu verteilen. In einem kapitalistischen System wird diese Verteilung durch den Preismechanismus geleistet. Die Preise steigen, um die Nachfrage zu begrenzen und eine Vergrößerung des Angebots anzuregen. Theoretisch müsste die Zeit eines Menschen mit seinem Willen zur Bereitstellung seiner Arbeitskraft, seiner Bereitschaft, auf einen Teil seines Einkommens zu verzichten, um seine Freizeit zu genießen und der Bereitschaft anderer korrelieren, genau die Art von Arbeit nachzufragen, die der Mensch bieten kann.

George Bellows, Men of the Docks (1912)

George Bellows, Men of the Docks (1912)

Das Problem bei dieser netten und einfachen Theorie über den Wert von Zeit ist, dass wir Arbeitszeit und Freizeit immer unterschiedlich bewerten.

Für meine Großeltern und Urgroßeltern, die als Tagelöhner in den Londoner Docks der 1920er und 1930er Jahre arbeiteten, ließ sich der Wert von Zeit leicht berechnen. Sie wurden nach Stunden bezahlt, wenn man sie brauchte. Sie wurden überhaupt nicht bezahlt, wenn man sie nicht brauchte. Die Qualifikation gab vor, wie viele Menschen Zeit liefern konnten. Die Arbeit auf den Docks erforderte keine große Qualifikation, also war das Angebot entsprechend groß und die Zeit meiner Urgroßmütter nicht viel wert.

Wenn Freizeit vorhanden war, war es eindeutig freie Zeit. Außerhalb dieser Zeit und außerhalb der Fabrik oder des Werftgeländes war Freizeit. Freizeit hatte einen Wert, auch wenn dieser in den 1930er Jahren sehr gering war, weil es sich zumeist um unfreiwillige „Freizeit“ wegen Arbeitslosigkeit handelte. Arbeit definierte sich sowohl durch den Ort als auch durch die Zeit – die Pfeife oder Glocke der Fabrik oder das Werftgelände kennzeichneten den Anfang und das Ende einer Schicht.

In der modernen Welt ist die Zeitgrenze zwischen Freizeit und Arbeit weniger klar gezogen. Und die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit dürfte künftig noch weiter verschwimmen[1]. Die vierte industrielle Revolution änderte die Art, in der sich die Gesellschaft um Arbeit und Freizeit herum organisiert.

Die Notwendigkeit körperlicher Anwesenheit im Büro, typisch für das japanische Modell des „Salaryman“, der angestellten Führungskraft, aus vergangenen Jahrzehnten (der das Büro niemals vor seinem Chef verlassen durfte), passt nicht in eine Welt des Home Office und der 24-Stunden-Erreichbarkeit. Wie ist solche Zeit also zu bewerten? Wenn ich ein wenig leichte Lektüre genieße und die neueste Ausgabe der „Oxford Review of Economic Policy“ durchblättere, ist das dann Freizeit oder Arbeit? Ich persönlich lese sehr gern, aber ich verbessere dabei außerdem meine Fähigkeiten als Mitarbeiter.

Shinjuku, Japan – Alva Pratt

Shinjuku, Japan – Alva Pratt

Die sinkende Zahl der Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe lässt diese Veränderungen noch schneller vonstatten gehen. Die qualitative Beurteilung der geleisteten Arbeit (durch Leistungsüberprüfungen) ersetzt die quantitative Bewertung der gearbeiteten Stunden. Ein Fließband erfordert die Anwesenheit von Arbeitern über die gesamte Länge - wenn nur einer fehlt, funktioniert der Mensch-Maschine-Hybrid nicht mehr. Da inzwischen immer mehr Roboter die Fließbandarbeit übernehmen (denen nichts anderes übrig bleibt als anwesend zu sein), könnte die Arbeitswelt sich stärker auf den Dienstleistungssektor fokussieren und potenziell kreativer werden. Für einen festgelegten Zeitraum körperlich anwesend zu sein, ist dabei immer weniger relevant. Wertvolle Ergebnisse zu produzieren - das ist es, was zählt. Arbeitgeber setzen Zeit nicht mehr stellvertretend für Ergebnisse ein, sondern versuchen immer häufiger, die Ergebnisse direkt zu messen. Das zeigt sich unter anderem darin, dass so verschiedene Unternehmen wie General Electric und Netflix ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unbegrenzt Urlaub gewähren. Netflix geht sogar so weit zu erklären, dass deren Arbeitszeit überhaupt nicht nachverfolgt wird.

Auch beim Wert von Freizeit verändert sich etwas. Die im Büro verbrachte Zeit ergibt gleich glänzende Spielzeuge des Erfolgs (ungefähr wie bei „Fegefeuer der Eitelkeiten“). Der Wert von Freizeit verändert sich. Eine mögliche Veränderung in einer virtuellen Welt besteht darin, dass Besitztümer zugunsten von „Erfahrungen“ an Bedeutung verlieren. Besitztümer sind die körperliche Manifestation der herkömmlichen Art des Arbeitens. In einer mehr virtuellen und weniger körperlichen Welt steht immer mehr die Erfahrung im Vordergrund, dass es Dinge gibt, „die man mit Geld nicht kaufen kann“. Aber um Erfahrungen zu machen, braucht man Freizeit.

Die unbequeme Wahrheit ist, das Zeit ungerecht verteilt ist.

Die weniger qualifizierte, weniger effiziente Arbeitskraft hat weniger Freizeit und muss länger arbeiten, um das Ergebnis zu produzieren, das besser ausgebildete Kollegen schneller liefern können. Zwei Mitarbeiter können das gleiche Einkommen haben, aber das Verhältnis zwischen Freizeit und Arbeit kann unterschiedlich sein. Der weniger qualifizierte hat eine schlechtere Lebensqualität als sein besser ausgebildeter Kollege - etwas, das wir mit den traditionellen Möglichkeiten zur Bewertung von Zeit möglicherweise gar nicht messen können.

Im 19. Jahrhundert brachte die Ungleichheit der Einkommen schließlich die „müßige Klasse“ hervor, die ausreichend freie Zeit hatte, um der Freizeit ihrer Wahl nachzugehen. Der Kapitalstock, den die müßige Klasse besaß, hauptsächlich in Form von Grundbesitz und anderem ererbten Vermögen, eröffnete ihr die Möglichkeit grenzenloser Freizeit. Wenn Humankapital im Überfluss vorhanden ist, kann ein Individuum sich aber auch dafür entscheiden, viel weniger Freizeit zu haben als Gleichgestellte. Angehörige der qualifizierten Belegschaft, die reich an Humankapital ist, können sich aussuchen, wie viel Freizeit sie sich nehmen. Angehörige der nicht qualifizierten Belegschaft, die an Humankapitalarmut leidet, werden feststellen, dass ihre Freizeit von der Notwendigkeit beschränkt wird, viele Stunden zu arbeiten, um einen Mindestlebensstandard beibehalten zu können. Der neue Wert von Zeit könnte die Gesellschaft wieder zu einer Version der ungerechten Zeitverteilung zurückführen, wie sie in den Romanen von Jane Austen und Charles Dickens beschrieben ist. Heute spielt als modernes Kapital das Humankapital eine Rolle – die Fähigkeiten und die Flexibilität, die jemanden zu einem wertvollen Mitglied der Belegschaft machen.

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