Das Ende des Fortschritts?

März 2017 | 6 min

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UBS
Das Ende des Fortschritts?

Wir leben in einem Zeitalter, in dem alles endet. Das Ende der Globalisierung, das Ende der Menschenrechtswerte, das Ende von Europa, wie wir es kannten, das Ende der „Fakten“ und das Ende des menschlichen Anstands. Diese (und viele weitere) Enden haben in den letzten Monaten reichlich Aufmerksamkeit erhalten. Aber was wäre, wenn all diesen nur eine grundlegende Veränderung der Zeitordnung zugrunde liegt? Ist es das Ende des „Fortschritts“?

Der Fortschritt ist der belebende Geist unserer Moderne. Aber diese Sichtweise ist nicht naturgegeben oder unvermeidbar. Tausende von Jahren kamen menschliche Zivilisationen sogar ganz ohne Zukunftsvisionen aus. Erst im 17. und 18. Jahrhundert regte sich in westlichen Gesellschaften das Streben nach einer neuen und besseren Zukunft. Davor gab es nur zwei Zeitzonen: menschlich und göttlich. In der Zeit der Menschen kreisten Gegenwart und Vergangenheit in der gleichen Zone. Der große Historiker Reinhart Koselleck (1923 bis 2006) verwendete das berühmte Schlachtenbild von der Alexanderschlacht (Schlacht bei Issos) aus dem Jahr 1529, um zu zeigen, wie Kaiser Maximilian (1459 bis 1519) mit Alexander dem Großen verschmolz, der 331 vor Christus, also fast zweitausend Jahre zuvor, die Perser besiegte. Vergangenheit und Gegenwart erscheinen hier im zeitgleichen Rahmen und in Erwartung des Jüngsten Gerichts. Es war ein Endzeitszenario: Man hatte das Gefühl, dass das Heilige Römische Reich das letzte sein würde. Für protestantische Reformer wie Martin Luther bewegte sich die Welt rasant auf ihr göttlich vorherbestimmtes Ende zu. Ganze Jahrhunderte wurden in Jahrzehnte und Jahre gepresst. Die Zukunft versprach einen zweiten „Sündenfall“: die Apokalypse und das Jüngste Gericht, die Schwelle zum Reich Gottes.

Albrecht Altdorfer, Alexanderschlacht (Schlacht bei Issos)

Albrecht Altdorfer, Alexanderschlacht (Schlacht bei Issos)

Im 17. und 18. Jahrhundert erwachte ein ganz neuer Zeitgeist. Statt die Vergangenheit und die Gegenwart als Wartesaal ins Jenseits zu betrachten, wurden die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft jetzt linear hintereinander angeordnet. Die Zeit wurde lang gestreckt. Statt in Erwartung des bevorstehenden Bruchs in einem „Zeit-Raum“ zu leben, den nur Gott kannte, begannen Wissenschaftler, Regenten und Geschäftsleute, in die Zukunft einzugreifen und Pläne für die Ausbeutung und Neugestaltung der Zeiten zu schmieden, die noch kommen sollten. Das war die Stunde der Geburt des Weitblicks, der Vorhersage und der Lebensversicherung. Die Orientierung hatte sich grundlegend gewandelt: Man solle besser an die Zukunft denken als an die Gegenwart, so riet Kardinal Richelieu. Die Menschen entwickelten einen nie dagewesenen Glauben daran, dass sie selbst über ihr Schicksal bestimmen konnten. Die Gesellschaft begab sich auf die Startbahn und machte sich zum Abflug bereit. Der Fortschritt der Wissenschaft, der Logik und der Industrie schien unaufhaltsam. Wer ihm im Wege stand, musste weichen – falls nötig, mit Gewalt. Im 18. Jahrhundert traf der Fortschritt auf eine Waffenschwester, die Revolution. Der Mensch, darauf bestand Maximilien Robespierre im Jahr 1793, hatte die Pflicht, sein Potenzial auszuschöpfen, und schnell den Beginn einer neuen Ordnung herbeizuführen.

Der Geist des Fortschritts bemächtigte sich der Wissenschaft, der Politik und der Kultur. Und am Vorabend des ersten Weltkriegs hatten Tempo und Dynamik sich als das neue Evangelium etabliert. Nur Bauern waren langsam, und wer wollte schon leben wie ein Bauer? Fortschrittlich war, wer bereit war für radikale Veränderungen. Die Vorhut bildeten selbst ernannte „Futuristen“, wie die Architekten Antonio Sant’Elia und F. T. Marinetti. In ihrem Manifest aus dem Jahr 1914 verkündeten sie voller Zuversicht: „Unsere Häuser werden von kürzerer Dauer sein als wir selbst“. Jede neue Generation sollte eigene neue Städte, Gebäude und Lebensweisen haben.

Sie hatten ein Recht, ja geradezu die Pflicht, das Alte einzureißen. Denn das Alte zu bewahren, bedeutete Stagnation.

Russolo, Carrà, Marinetti, Boccioni und Severini (Futuristen) vor der Redaktion des „Le Figaro“ (1912)

Russolo, Carrà, Marinetti, Boccioni und Severini (Futuristen) vor der Redaktion des „Le Figaro“ (1912)

Trotz aller emanzipatorischer Ideale hat uns der Fortschritt nicht immer auf Rosen gebettet. Im wirklichen Leben brachte er uns nicht nur Maschinen und Impfungen, sondern auch das selbst ladende Maschinengewehr und die Gaskammer. Kritische Vernunft ging Hand in Hand mit gewaltsamer Revolution, liberale Demokratie mit Kolonialismus und totaler Herrschaft. Es gab eine „Dialektik der Aufklärung“, wie die emigrierten Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrem bekannten Buch mit eben diesem Titel 1944 erörterten. Heute können wir diese Liste noch um den Klimawandel ergänzen.

Wir sind so daran gewöhnt, unsere modernen Annehmlichkeiten als die Norm zu akzeptieren, dass es wichtig ist, sich an die erdbebenartige Transformation zu erinnern, die der Fortschritt damals mit sich brachte. Das moderne Wachstum ist atemberaubend. Zwischen der Geburt Christi (1 nach Christus) und dem Tod von Napoleon (1821) hatte sich der Lebensstandard in der westlichen Welt nicht einmal verdoppelt. Doch seither stieg er um beinahe das Zwanzigfache, von einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 1200 US-Dollar auf 26 000 US-Dollar pro Kopf. Dieses Wachstum bedeutet nicht nur schicke Autos, sondern Schulen und Krankenhäuser, sauberes Wasser und mehrere Mahlzeiten am Tag. Im Westeuropa von 1750 starb der durchschnittliche Mensch noch vor seinem 40. Geburtstag. Heute wird man 81.

Hat der Fortschritt einen Motorschaden erlitten? Seit den Siebzigerjahren hat er sich jedenfalls verlangsamt. Der Ökonom Robert J. Gordon hat deutlich darauf hingewiesen, dass Computer und Smartphones sehr viel weniger revolutionär sind als frühere Erfindungen wie die Elektrizität oder der Verbrennungsmotor, die das Leben vom Kochen und Wohnen bis zu Mobilität und Kommunikation von Grund auf veränderten. Es liegt in der Natur der Sache, dass man große Erfindungen unmöglich vorhersehen kann, aber was den IT-Sektor betrifft, so dürfte die Entwicklung wohl weitgehend abgeschlossen und das künftige Wachstum begrenzt sein.

Es werden in Zukunft wahrscheinlich mehr Arbeitsplätze zerstört als geschaffen.

Cromemco C 10 Personalcomputer

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Der Überdruss am Fortschritt kann jedoch nicht nur an säkularen Wachstumstrends festgemacht werden. Wir sprechen schließlich von einer Verlangsamung, nicht von Stillstand oder gar einer Umkehr. Sowohl die US-Wirtschaft als auch die Wirtschaft Großbritanniens sind im vergangenen Jahr um 1,8 Prozent gewachsen. Zugegebenermaßen ist das weit von den 5 Prozent entfernt, die im Goldenen Zeitalter des Nachkriegsbooms an der Tagesordnung waren. Es wird aber auch kaum als Katastrophe in die Geschichtsbücher eingehen. In der Zeit vor dem 19. Jahrhundert wäre ein solches Wachstum undenkbar gewesen, als man mit 0,5 Prozent oder sogar ganz ohne Wachstum über die Runden kam. Und selbst Japan, das sich aktuell schon im zweiten „verlorenen Jahrzehnt“ der Stagnation befindet, ist bislang noch nicht implodiert. Doch statt die 1,8 Prozent mit einem erleichterten Seufzer zu begrüßen, zweifeln nicht wenige Amerikaner und Briten daran, dass es überhaupt eine Zukunft und ein Morgen geben wird. Warum?

Die Antwort setzt sich aus einer Reihe von sozialen und kulturellen Mikroveränderungen zusammen, die dafür sorgen, dass die Menschen die größeren Makroveränderungen mit zunehmender Sorge betrachten. Ein Grund dafür, dass der Fortschritt heute seinen Glanz verloren hat, liegt darin, dass sich das Leben der meisten Menschen nicht mehr auf einer linearen und in die Zukunft gerichteten Zeitleiste abspielt. Der strukturierte, schrittweise Aufstieg im gleichen Job, einmal kennzeichnend für die industrielle und professionelle Gesellschaft, wird immer mehr zur Ausnahme. Ähnlich sieht es im Privat- und Beziehungsleben aus. Man heiratet heute nicht nur einmal, lässt sich nieder und hat erst Kinder und dann Enkelkinder, sondern man lässt sich scheiden, heiratet erneut oder lebt in alternativen Familienformen, in denen die Generationen der Kinder sich überschneiden, wenn man überhaupt Kinder hat. Zugegebenermaßen ist dieses strukturierte Modell von der patriarchalischen Familie und dem sicheren Job für viele Menschen in der modernen Zeit mehr Idealvorstellung als Realität, außer vielleicht in den Fünfzigerjahren.

"In einer Zeit jedoch, in der Nullstunden-Verträge und unsichere Arbeitsverhältnisse immer weiter zunehmen, sind es die Fünfzigerjahre, die für immer mehr Menschen der Maßstab für ein gutes Leben sind."

Und dann ist da noch der Untergang einer ganzen Reihe von Institutionen, die unserem Leben eine gewisse zeitliche Ordnung und Sicherheit in dem hoch dynamischen und unsicheren Zeitalter des Fortschritts gegeben hatten. Mit ihren Glocken und regelmäßigen Abläufen haben die Kirche und die Fabrik uns viel von der Terminplanung abgenommen. Heutzutage sind Shopping und Mobilität ein 24-Stunden-Kraftakt. Die Freizeit ist nicht mehr frei, sondern angefüllt mit scheinbar endlosen und immer anderen Kombinationen von Aktivitäten, vor allem in den beruflichen Mittelschichten. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung stimmt es nicht, dass wir keine Zeit haben und länger arbeiten als unsere Großeltern. In Amerika schrumpft seit 1980 vor allem die Freizeit von Frauen ab dem 30. bis zum ca. 40. Lebensjahr, aber nicht einmal sie sind so schlecht dran wie ihre Schwestern um 1900. Andere Altersgruppen, vor allem im Alter von über 60 Jahren, haben heute sehr viel mehr Freizeit als noch vor einem Jahrzehnt. Ein Teil des Problems besteht darin, dass die Zeit so ungerecht auf die Generationen aufgeteilt ist. Sie wird den vielfältigen Anforderungen von Karriere und Betreuungsaufgaben an die sogenannte „Sandwich-Generation“ immer weniger gerecht. Was sich außerdem geändert hat ist, dass wir in unserer Freizeit nun sehr viel mehr zu tun haben und dazu noch unsere ganze Terminplanung selbst koordinieren müssen. So fühlt es sich für uns an, als würden wir in turbulenten Zeiten leben.

Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump

Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump

Es fällt nicht schwer, die Ungleichheit in der Gesellschaft und den Aufstieg der „Rubbish Jobs“ in der „Gig-Economy“ für die Unterstützung verantwortlich zu machen, die Trump und May erhalten. Sicher ist es auch so, dass Trump und der Brexit viele Stimmen aus sozial schwachen Wohngebieten erhalten haben. Aber ihr Erfolg geht wohl kaum allein auf das Konto der Arbeitslosen, Verschuldeten und Randgruppen. In London arbeiten heute 60 000 Menschen als schlecht bezahlte Kuriere und im dazugehörigen Lagersektor. Es ist zu bezweifeln, dass sie alle oder auch nur die meisten von ihnen für den Brexit gestimmt haben. Vielmehr handelt es sich hier um genau die Europäer, von denen die britische Regierung uns gern befreien möchte. Entscheidend für Trump und den Brexit waren schließlich die Mehrheiten an Orten wie Pennsylvania, Canterbury und Wiltshire. Hier sind nicht unbedingt die Ungebildeten und das Prekariat zuhause. Die Anwohner haben sich mit der Globalisierung recht gut arrangiert. Man befürchtet vielmehr, dass die guten Zeiten ein Ende haben, dass man selbst zur nächsten Gruppe der Verlierer gehören könnte. Das findet man ungerecht und ist der Überzeugung, dass etwas passieren muss, das diese Entwicklung aufgehalten werden muss, bevor es zu spät ist.

Dieses Gefühl der Furcht ist das Ergebnis eines wachsenden Missverhältnisses zwischen einer wirtschaftlichen Realität im Hier und Jetzt und den hohen Erwartungen, die das Erbe des Goldenen Zeitalters des Fortschritts nach dem Zweiten Weltkrieg sind. Der Fortschritt hat sich mit zu vielen Versprechungen, die er nicht mehr erfüllen kann, zu teuer verkauft. „I’ve got to admit it’s getting better“, so sangen die Beatles im Jahr 1967, und das klang so wunderbar. Heute ist kaum jemand bereit zuzugeben, dass irgendetwas besser wird - nicht, weil sich nichts bessern würde, sondern weil unsere Erwartungen schon zu lange viel zu hoch sind. Kurzfristig ist Sparsamkeit das Mittel der Wahl, aber nach der Heilung, so verspricht man uns, werden die guten Zeiten schon zurückkehren.

"Langfristig gilt ein Leben, das nicht über unsere Verhältnisse geht, als inakzeptable Option, und keine namhafte politische Partei in der Anglo-Welt würde es wagen, ihren Wählern eine so beschränkte Zukunft anzubieten."

Die neue Politik dieser Zeit, die von solchen Ängsten lebt, wird nicht länger durch vom Fortschritt, sondern von der Nostalgie am Leben erhalten. Sowohl Trump als auch May sind im Wesentlichen rückwärts gewandt. Es ist ihr erklärtes Ziel, etwas „zurückzuholen“, das verloren gegangen ist. Dabei ist zweifelhaft, ob es ihrer Politik gelingen wird, den Riss in der Zeit zu stopfen, der sich geöffnet hat. Durch Protektionismus kann vielleicht das eine oder andere Werk für den Rust Belt wieder zurückerobert werden, aber das sind Eintagsfliegen. Sie tragen nichts dazu bei, die Produktivität wieder zu beleben, sondern werden sie im Gegenteil wahrscheinlich noch weiter lähmen. Die Infrastruktur der USA könnte eine Generalüberholung gut gebrauchen, aber bei den versprochenen Unternehmenssteuersenkungen fragt man sich, woher das Geld dafür kommen soll. Für Theresa May soll nun der Brexit den historischen Glanz Großbritanniens als große Handelsnation zurückholen. Das Problem dabei ist nur, dass sich in den letzten hundert Jahren einige Dinge verändert haben. Im Viktorianischen Zeitalter war Großbritannien ein Empire und die größte Volkswirtschaft der Welt. Heute gibt es kein Empire mehr, der Beitrag Großbritanniens zum Welt-BIP beträgt lediglich 4 Prozent. Es ist eine reiche, aber kleine Insel, die so ganz allein für den Rest der Welt sehr viel weniger bedeutsam ist, als sie einmal war. China und Deutschland und selbst Japan sind da sehr viel schlagkräftiger. Das kann selbst Churchill’sche Rhetorik nicht für immer und ewig überdecken.

Nostalgia

Nostalgie ist eine schlechte Ausrüstung für eine Zukunft, in der man niedriges Wachstum durch Flexibilität und Wissen ausgleichen muss. Darüber zu sprechen, die „guten Jobs“ von damals zurückzuholen, ist eine Sache. Die andere ist, dass wir Menschen für die neuen Jobs an den flexiblen globalen Märkten von heute und morgen ausbilden müssen. Und hier ist der Brexit sein eigener schlimmster Feind. In der Vergangenheit hatte die Freizügigkeit der qualifizierten Arbeitskräfte und kreativen Köpfe aus Europa eine mangelhafte oder fehlende Flexibilitätspolitik Großbritanniens im eigenen Land ausgeglichen. Der Niedergang des Teilzeitstudiums an den Universitäten im Vereinigten Königreich erzählt davon eine traurige Geschichte. Zur gleichen Zeit, als Dänemark alles dafür tat, flexibles Lernen und Weiterbildung zu fördern, strich die britische Regierung 2008 zuerst die Förderung für Studenten, die an die Universität zurückkehrten, um eine zweite Qualifikation zu erwerben, verdreifachte dann die Studiengebühren und beendete ihren Hattrick schließlich damit, dass die Teilzeitstudenten von Förderdarlehen ausgeschlossen wurden. Seit dem Jahr 2013 sind Teilzeitstudenten wieder für Förderdarlehen qualifiziert. Da war das Kind jedoch schon in den Brunnen gefallen. In weniger als fünf Jahren, von 2010/2011 bis 2015/2016, sank die Zahl der Teilzeitstudenten von 428 000 auf 266 000.

Ein zweiter Schwachpunkt ist der Konsum. Es wird häufig gesagt, dass Ungleichheit den Konsum antreibt, weil jeder auf Gedeih und Verderb versucht, mit den noch größeren Yachten und Autos der Superreichen Schritt zu halten. Der Neid gehört zur Natur des Menschen, und so etwas soll tatsächlich vorkommen. Wie ich in «Herrschaft der Dinge» zeige, war es jedoch tatsächlich in der Zeit der größten Gleichheit und höchsten Sozialausgaben zwischen 1950 und den Siebzigerjahren, als der Massenkonsum seinen größten Aufschwung erlebte. Heute nagen Ungleichheit und Sparsamkeit am Fundament. Ein Wachstum von 2 Prozent ist gut, wenn es fair verteilt ist, aber bei Ungleichheit und Sozialabbau droht Konsummangel.

Im Jahr 1992, drei Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, veröffentlichte der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama eines der am meisten diskutierten Bücher des Jahrzehnts: The End of History and the Last Man. Darin vertritt er den Standpunkt, dass die Weltgeschichte einem einzigen Endpunkt der westlich-liberalen Demokratie und des freien Marktkapitalismus zustrebt.

Ein Vierteljahrhundert später erinnern uns Putin, das kommunistische China und jetzt Trump daran, dass Geschichte lebendig und unvorhersehbar ist.

Fall der Berliner Mauer (1989)

Fall der Berliner Mauer (1989)

Aber wenn die Geschichte uns vor westlichem Triumphalismus schützen kann, dann doch auch vor unnötiger Verzweiflung. Wir in der Anglo-Welt können manchmal so furchtbar provinziell sein. Fortschritt, Toleranz und Freizügigkeit sind vielleicht in Washington und Westminster bedroht, aber werfen wir einmal einen Blick nach Deutschland. Die Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten ist im Vergleich zur Nazizeit oder selbst den Fünfzigerjahren mit Sicherheit ein großer Schritt hin zu den Idealen der Aufklärung. Und während es für uns so aussieht, als ginge dem Fortschritt die Luft aus, ist er in anderen Teilen der Welt voll im Gange. Für die Millionen chinesischen Bauern, die Jahr für Jahr in die Städte strömen, bedeutet ihr neues Leben Fortschritt. Diesen Fortschritt kann man sehen und mit dem Smog in Delhi und Peking sogar atmen. Auch wenn noch viel zu tun ist, werden gar nicht so schlechte Fortschritte gemacht. Vor allem China hat mit der Abschaffung von die Umwelt belastenden Holzöfen und der Förderung erneuerbarer Energien einen großen Schritt nach vorn getan. Im Jahr 2015 war das Reich der Mitte der weltweit größte Produzent von Solarenergie. Ja, die Konjunktur hat sich verlangsamt, aber die Wirtschaft in China und Indien wächst jährlich immer noch um 6 Prozent. Diese Länder beschreiten nur nicht den Weg des weltlichen Liberalismus, sondern den des Hindu-Nationalismus und Staatskapitalismus. In einer Welt, in der Milliarden Menschen kein sauberes Wasser haben, ihren Karren mit eigenen Händen ziehen, kein Gas und keinen Strom haben, gibt es für den Fortschritt noch viel zu tun. Und trotz aller Ängste und Nostalgie in Großbritannien und den USA ist der Fortschritt in vielen anderen Teilen der Welt noch ganz lebendig.

Frank Trentmann ist Professor für Geschichte am Birkbeck College der Universität London. Er schreibt für UNLIMITED und ist Autor von „Herrschaft der Dinge: Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute“ (DVA-Verlag).

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