Renovation Altbauten neu nutzen

Altbauten zu sanieren, verlangt Fachwissen - zahlt sich aber aus.

von Jürg Zulliger 20. Okt 2015

Die Innenrenovation beschert einem 125-jährigen Appenzellerhaus wieder einen Holzboden.

Herr Hostettler, mit welchen Überraschungen warten alte Häuser auf?

Ein altes Haus hält meist mehr als eine Überraschung bereit. Wovor sich einige fürchten, kann jedoch sehr spannend sein! Legt man etwa beim Rückbau von Decken-, Boden- und Wandverkleidungen aus den letzten Jahrzehnten alte Originalsubstanz frei, spürt man nach einer Renovation wieder den authentischen Charakter des Hauses. Ein eindrückliches Erlebnis war auch ein altes Emmentaler Bauernhaus von 1805, das mehr als 200 Jahre überdauert hat und dessen komplett möbliertes Schlafgeschoss seit 100 Jahren nicht mehr bewohnt war. Die Bibel in altdeutscher Schrift und die Petrolleuchte standen noch immer auf dem Nachttischchen. Das war für mich eine atemberaubende Zeitreise.

Viele Leute meinen heute, ein Neubau sei besser.

Das sehe ich umgekehrt. Viele Neubauten werden in einer bedenklichen Qualität erstellt. Schon nach wenigen Jahren zeichnet sich ab, dass sie nie das Lebensalter der Bauten vor 1930 erreichen werden. Deshalb sage ich meinen Bauherrschaften überspitzt, aber durchaus ernst gemeint: «Wer risikofreudig ist, kauft ein neues Haus, wer sein Geld sicher anlegen will, ein altes.»

Welche Qualitäten zeichnen denn ältere Häuser aus, die Neubauten fehlen?

Viele Altbauten sind Zeugen einer Architektur und einer Handwerkskultur, die uns leider abhandengekommen ist. Die ursprünglichen Baustoffe Holz, Stein und Kalk sind langlebig, feuchteaktiv und altern ästhetisch. Diese wenigen Materialien wurden handwerklich in vielfältige Formen gebracht. Sie spiegeln eine lebendige Architektur. Die Handwerker von früher haben Öffnungen wie Türen und Fenster sorgsam bearbeitet und gestaltet. Massiv eingebaute Werkstoffe entfalteten innen und an den Fassaden ihre schlichte Schönheit. Diese zeitlose Kunst gelingt heute nur noch selten. Mittlerweile gehört es zur Tagesordnung, Gebäude massenweise mit Plastik zu verpacken und mit Kunststoffböden wie Laminat zu versehen, obschon beides weder langlebig noch schön ist – geschweige denn gesund.

Oft empfindet man, dass ältere Häuser mehr Ambiente haben.

Der Charme älterer Häuser entsteht durch den harmonischen Kanon der eingesetzten Baustoffe, die nuancierte und liebevolle Gestaltung der Bauteile, die Echtheit und Schlichtheit der Materialien, deren ästhetischen Alterungsprozess und die Spuren, die das Leben der Menschen in Böden und Wänden hinterliess. Das Lebendige hängt auch mit der Sorgfalt zusammen, welche die Erbauer mit ihrem Handwerkerstolz in ihr Werk legten.

Gibt es alte Häuser, die heute noch so bewohnbar sind wie einst?

Die Modernisierungsbestrebungen der vergangenen Jahrzehnte liessen unübersehbare Spuren zurück. Besonders im Aufbruch der 1960er- und 1970er-Jahre wurden wertvollste Bauteile im besten Fall abgedeckt, im schlechtesten Fall achtlos in die Mulde geworfen. Eine Treppe eines Mehrfamilienhauses aus Eiche, die 1890 erstellt wurde, hält zum Beispiel spielend nochmals 100 Jahre und erfreut mit ihren handwerklichen Details heute mehr Menschen denn je. Ich ermutige immer wieder Hausbesitzer, ihre alten Häuser so weit wie möglich in den ursprünglichen Zustand rückzubauen. Nicht aus falsch verstandener Nostalgie, sondern aus der Bestrebung, diese kraftvollen, harmonischen und Geschichten erzählenden Wohnräume zurückliegender Epochen zu erhalten. Das Leben in solchen Räumen liefert tägliche Inspiration und Nahrung für die Seele.

Woran erkennt man, ob es sich lohnt, ein Haus aus früherer Zeit zu erhalten?

Während meiner 30-jährigen Tätigkeit stiess ich nur auf wenige Fälle, bei denen ich einen Abriss befürworten musste. Alte Häuser sind viel besser renovierbar, als allgemein angenommen wird. Das Problem liegt darin, dass es vielen Handwerkern und Architekten am spezifischen Know-how mangelt, um ältere Häuser substanzgerecht zu renovieren. Dazu muss man nämlich das Handwerk und das Materialwissen früherer Zeiten beherrschen – was leider an Hochschulen nicht mehr gelehrt wird. Wer sich dieses Wissen aneignet, wird sich zum Beispiel hüten, an Dämmung, Putz oder bei den Farben mit Kunststoffen zu arbeiten. Denn sonst sind Feuchte- und Alterungsschäden vorprogrammiert. Eine ganzheitliche Gebäudeanalyse ist eine wichtige Voraussetzung, um die vorhandene Substanz zu würdigen und sachgerecht zu behandeln.

Wo kann man sich Rat einholen?

Dazu braucht es einen versierten Altbaukenner, etwa einen Architekten, der sich länger und intensiv mit den Besonderheiten von älteren Häusern und Handwerkstechniken auseinandergesetzt hat.

Eine Sanierung dürfte dann aber ins Geld gehen…

Bei Gebäuden mit Baujahr vor 1850 kann es tatsächlich teuer werden. Aber das muss nicht sein. Bei Bauten aus den Jahren 1850 bis 1930 greift man oft zu radikal ein, was kostspielig wird. Meist gibt es weitaus sanftere Wege, die erst noch deutlich günstiger und äusserst nachhaltig sind. Sogar mit sehr viel mehr Geld lässt sich das einmalige Ambiente eines Altbaus heute nicht mehr schaffen.

Aber technisch sind doch alte Gebäude nicht mehr à jour.

Natürlich müssen in alten Häusern zahlreiche technische Installationen erneuert werden. Elektriker, Sanitär- und Heizungsfachleute ersetzen diese Bauteile meist komplett. Ein Fallstrang aus Guss von 1895 kann aber noch lange halten. Das gilt auch für ein Heizungsverteilsystem von 1930. Bei den elektrischen Installationen wird es heikler. Aufgrund der heutigen Vorschriften und Bedürfnisse lässt sich eine Neuinstallation häufig nicht vermeiden.

Ältere Gebäude gelten jedoch als Energieschleudern.

Wir müssen Massiv- und Holzbauten auseinanderhalten und sehr genau nach Baujahr unterscheiden. Massivbauten von 1870 bis 1920 sind energetisch erheblich besser als ihr Ruf. Es wäre falsch, eine Aussendämmung vorzusehen. Umgekehrt schneiden Hochkonjunkturbauten der 70er-Jahre energetisch oft miserabel ab. Erst einige Jahre nach dem Ölschock begann man die Häuser effektiver vor Wärmeverlusten zu schützen. Energiesparmassnahmen im Altbau setzen umfangreiche Kenntnisse der Substanz voraus. Kennt man die neuralgischen Stellen, lässt sich mit einem Bruchteil der Aufwendungen für eine Totalsanierung eine Menge an Energiekosten einsparen.