Ausblick 2016 Europäische Aktien sind attraktiv

Aktien, Zinsen, Terroranschläge: Daniel Kalt, Chefökonom UBS Schweiz, zeigt, gegen welche Gefahren sich Anleger wappnen sollten

von Stephan Lehmann-Maldonado 20. Jan 2016

Die Weltwirtschaft ist von Ungleichgewichten geprägt, meint Daniel Kalt, Chefökonom UBS Schweiz und Chief Investment Officer Schweiz.

Lohnt es sich noch, jetzt an den Börsen einzusteigen?

Seit 2009 ist es an den Börsen aufwärts gegangen. Wenn ich erst jetzt dazu stosse, ist es, wie wenn ich um 23:30 an einer Party auftauche. Wird noch bis Mitternacht oder bis 6 Uhr morgens gefeiert? Derzeit fürchten sich viele Anleger vor Zinserhöhungen. Doch im letzten Konjunkturzyklus erhöhten die Amerikaner ab 2004 die Zinsen. Danach legten die Aktien während dreieinhalb Jahren weiter zu. Auch jetzt können die Aktien noch längere Zeit hochklettern. Aber auch ein Kurseinbruch ist nicht ganz ausschliessen.

Wie soll man jetzt Geld anlegen?

Die einzige Strategie, um ein falsches Timing zu vermeiden, ist ein gestaffeltes Vorgehen. Man investiert beispielsweise jeden Monat oder jedes halbe Jahr einen Teil der Anlagesumme.

Wo sehen Sie momentan Renditechancen?

Die besten Perspektiven bieten europäische Aktien. Sie sind vernünftig bewertet. Der Euro notiert sehr schwach, was die Exporte ankurbelt. Zudem erholt sich die europäische Konjunktur. Wir erwarten ein Gewinnwachstum zwischen 8 und 10 Prozent in der Eurozone. Für die USA und die Schweiz sind wir neutral. Den Anteil von Schwellenländer-Aktien haben wir in den Portfolios vor kurzem leicht reduziert.

Welche Risiken bedrohen unsere Finanzmärkte?

Weltweit ist die Lage auf verschiedenen Ebenen noch immer recht labil. Die Industriestaaten verzeichnen solides Wachstum. Der massive Erdölpreiszerfall unterstützt den Konsum, bringt aber auch geopolitische Spannungen, etwa im mittleren Osten. Auch die Marktinterventionen in China haben die Finanzwelt aufgeschreckt – wir erwarten jedoch, dass sich die Wirtschaftsdynamik in den Schwellenländern allmählich stabilisiert.

Was könnte eine Krise auslösen?

Die Weltwirtschaft ist noch immer von Ungleichgewichten geprägt. Aber solange die Notenbanken Geld in die Märkte pumpen, dürfte das so bleiben. Was könnte das Kartenhaus zum Einsturz bringen? Vielleicht eine schockartige Änderung der Notenbankpolitik oder ein kriegerisches Ereignis. Wir rechnen zwar nicht damit, aber ob und wann so etwas geschieht, lässt sich nicht exakt prognostizieren.

Die US-Notenbank hat die Leitzinsen erhöht. Was bedeutet das für die Schweizer Wirtschaft?

Paradoxerweise profitiert die Schweiz von der Zinserhöhung. Wenn die Amerikaner beim Anheben der Zinsen behutsam voran schreiten, dürften die Zinsen irgendwann auch in Europa langsam ansteigen, was wiederum die Schweizerische Nationalbank entlasten würde. Gelingt es den Amerikanern in den nächsten sechs bis 12 Monaten nicht, die Zinsen hochzunehmen, wäre dies ein negatives Signal. Ein Zinsanstieg in den USA bedeutet, dass Wirtschaft und Arbeitsmarkt dort in guter Verfassung sind.

Wie entwickeln sich die Hypothekarzinsen in der Schweiz?

Wir müssen uns darauf einstellen, dass der Drei-Monats-Libor noch lange im negativen Bereich bleibt. Mit ihrem Anleihenkaufprogramm wird die Europäische Zentralbank noch längere Zeit die Zinsen extrem tief halten. Das verschärft den Druck auf die Schweizer Nationalbank. Vor Ende 2017 sehe ich kaum Chancen, dass die SNB einen ersten Zinsschritt nach oben machen kann.

Nehmen wir an, Ihnen bleiben nur 100 Franken. Worin investieren Sie diese?

(Lacht) In eine gute Flasche Wein – oder Nestlé-Aktien. Denn Essen und Trinken muss man immer.

In der Schweiz anlegen 

Welche Perspektiven bieten sich Anleger 2016 in der Schweiz?

  • Eine vernünftige Rendite mit Anleihen zu erzielen wird schwierig, angesichts der deutlich negativ rentierenden Staatsanleihen.
  • Für den Schweizer Aktienmarkt ist UBS CIO neutral gewichtet und legt den Schwerpunkt eher auf die Märkte im Euroland sowie in Japan. 
  • Innerhalb des Schweizer Aktienmarktes dürften sich mittelgross kapitalisierte Werte am besten behaupten. Sie schlugen bereits 2015 den Gesamtmarkt.
  • Hochwertige Dividendenzahler mit defensiven Charakteristiken können eine Alternative zu Anleihen darstellen.