«Der Verkehr ist der heimliche Raumplaner»

Weil die Baulandreservern schwinden, sollen Städte auf eine «Entwicklung nach innen» setzen - fordert Hans-Georg Bächtold, Geschäftsführer des SIA.

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21.01.2014, Jürg Zulliger (Text) und Peter Tillessen (Bilder)

Herr Bächtold, was führte zur Zersiedelung der Schweiz?
Eine grosse Rolle spielte der Staat, der über sehr lange Zeit reichlich Bauland zur Verfügung gestellt hat. Der Wunsch nach viel Wohnfläche, nach einem eigenen Haus und hübscher Aussicht konnte auf dem Land verwirklicht werden.

Warum kehrten zahlreiche Menschen den Städten den Rücken?
Viele sahen die Stadt als Moloch mit schlechter Luft, jeder Menge Lärm und zu kleinen Wohnungen. Wer das nicht wollte und den Kindern einen gesünderen Lebensraum wünschte, zog aufs Land. Es war eine Sehnsucht nach idyllischem Dorfleben, eine Art Heidi-Mentalität. Seither haben sich die Städte gewandelt. Heute weisen sie mehr Lebensqualität auf. Ich vermeide dabei den Begriff «bauliche Verdichtung » und spreche lieber von einer Entwicklung sowie Ausdehnung der Städte und Agglomerationen «nach innen». Was meinen Sie mit «Innenentwicklung» der Städte? Das Gegenteil des früheren Trends, als sich die Städte stetig ins Umland ausdehnten und um die Agglomerationen immer mehr Bauland beanspruchten. Bildlich formuliert: Es geht darum, die Stadtgrenzen «dicht» zu machen. Das Bevölkerungswachstum sollte man innerhalb der Städte aufnehmen und dort attraktive Gebäude mit hoher Wohnqualität errichten.

Welchen Einfluss hat der Verkehr?
Der Verkehr ist der heimliche Raumplaner. Der starke Ausbau des privaten und öffentlichen Verkehrs hat es erst möglich gemacht, auf dem Land zu wohnen und in der Stadt zu arbeiten. Ich habe heute den Eindruck, dass viele Menschen des Pendelns müde sind.

Die Verkehrsachsen werden weiter ausgebaut. Mit der Teileröffnung der NEAT 2016 rückt sogar Lugano in Pendlerdistanz zu Zürich …
Es wird sicher Einzelne geben, die im Tessin wohnen und in Zürich arbeiten. Das Pendeln wird aber nicht weiter zunehmen. Bauland ist nicht mehr so flüssig auf dem Markt und nicht so leicht zugänglich wie vor 20 Jahren. Ich bin sicher, dass viele Leute als Zwangspendler unterwegs sind. Hätten sie die Möglichkeit, würden sie es vorziehen, in der Stadt in 20 Minuten Gehdistanz vom Arbeitsplatz zu wohnen.

Der Staat steuert die Raumplanung und macht die Zonenordnungen. Welche Massnahmen soll er treffen?
Der Staat muss etwas dafür tun, dass die Städte attraktiver werden! Dabei zählt die Umwelt - das heisst weniger Lärm und bessere Luft. Ausserdem braucht es öffentliche Plätze, schöne Grünflächen und Erholungsräume.

Bedarf es einer anderen Raumplanung?
Die Raum- und die Stadtplanung waren lange Zeit sehr technisch. Es ging um Ausnützungsziffern und Flächenmanagement. Wir müssen mehr an die Qualität des Raums denken, das Wohlbefinden, an die Sehnsüchte und das Heimatgefühl der Menschen.

Weshalb sind Sie für Verdichtung?
In der Schweiz haben wir nicht unbeschränkt Raum zur Verfügung. Mein Vater starb mit 91 in einem Einfamilienhaus mit 160 Quadratmeter Fläche und viel Umschwung. Es ist fraglich, ob wir uns diese Lebensform künftig finanziell und sozial leisten können. Die nächste Generation darf mit einer höheren Lebenserwartung rechnen. Und ich glaube, sie wird einen lockereren Bezug zum Eigentum haben. Mir scheint es besser, im Alter die Wohnsituation zu verändern und an einen Ort zu ziehen, wo das Umfeld zum Lebensabschnitt passt.

Seit Jahren reden wir von Verdichtung. Doch zum Beispiel in Zürich leben heute pro Hektare weniger Menschen als vor 40 oder 50 Jahren. Woran liegt das?
Wenn die Wohnungen von hoher Qualität und zudem ansprechende Aussenräume und öffentliche Plätze vorhanden sind, ziehen mehr Menschen in die Stadt. Paris ist seit jeher mit fünf bis sechs Geschossen relativ dicht bebaut und zeichnet sich durch sehr attraktive öffentliche Plätze aus. Zu einem beliebten Wohnort in Zürich hat sich etwa das Niederdorf entwickelt - ein sehr dichtes Altstadtquartier.

Gibt es neue Beispiele gelungener Verdichtung?
In Zürich-Affoltern sind verschiedene Neubauten realisiert worden, die bestehendes Bauland wesentlich effizienter nutzen. Als ausgezeichnet erachte ich den Neubau «Klee» des Architekturbüros Knapkiewicz & Fickert. Der siebengeschossige Blockrandbau besticht durch sehr gute Wohnungsgrundrisse, attraktive Plätze und Innenhöfe.

In der Schweiz gibt es 800 000 Einfamilienhäuser. Sehen Sie darin Potenzial für mehr Anbauten?
Einfamilienhäuser zählen zu den bei uns üblichen Wohnformen. Sie haben ihre Berechtigung. Es ist sinnvoll, ein Gebäude mit einem Anbau, einer Aufstockung oder einem Wintergarten besser zu nutzen. Wer sich zu Hause wohlfühlt, hegt weniger den Wunsch, am Wochenende mit dem Auto in die Berge zu fahren. Quantitativ liegt aber das grösste Potenzial für die Entwicklung nach innen in den Städten.

Wo wohnen Sie?
Im Quartier Enge in Zürich. In 20 Minuten spaziere ich zur Arbeit. Ein Auto benötige ich nicht. Was für mich zählt, ist die Qualität des Raums, aber auch der Zeit.


Marktstand  

Verschnaufpause

Die Transaktionspreise für Einfamilienhäuser sind im 3. Quartal 2013 im Vorjahresvergleich schweizweit um 2.1 Prozent gestiegen. Während die West- und Ostschweiz rund 5 Prozent zulegten, lagen die Genferseeregion (- 1.3 Prozent) und die Südschweiz (- 0.6 Prozent) im Minusbereich. Im Vergleich zum Vorquartal zeigt sich ein negativeres Bild. Beinahe in allen Regionen lag das Quartalswachstum unter dem langfristigen Mittelwert; schweizweit schrumpften die Transaktionspreise um 0.5 Prozent. Die Transaktionspreise für Einfamilienhäuser dürften im Jahr 2014 keine grossen Sprünge machen.


Der Raumplaner  

Hans-Georg Bächtold (60) ist einer der renommiertesten seines Fachs. Der Vater von drei Kindern hat an der ETH Forstwirtschaft und Raumplanung studiert. Seit 2009 ist er Geschäftsführer des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Zuvor hatte er als Kantonsplaner dem Amt für Raumplanung Basel-Landschaft vorgestanden.


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