Auf zum Nullenergiehaus!

Heizen ist kostspielig: Gebäude sind oft Energieschleudern. Doch bald lässt sich der Nettoverbrauch auf null reduzieren.

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23.04.2014, Jürg Zulliger (Text) und Luca Schenardi (Illustrationen)

Enge Grundrisse, kleine Zimmer, spärliches Tageslicht, veraltete Radiatoren: Ein nicht saniertes Haus aus den 50er-Jahren ist ein Relikt einer vergangenen Zeitepoche. Fast alle Wohnhäuser, die vor 1980 bis 1990 erstellt wurden, weisen in energetischer Hinsicht erhebliche Schwachstellen auf. Bis 4000 Liter Heizöl pro Jahr und ein Primärenergiebedarf von gegen 60 000 Kilowattstunden sind für ältere Liegenschaften nicht ungewöhnlich. Der Verbrauch wird üblicherweise in Primärenergie wie etwa Sonnenstrahlung oder Erdöl ausgedrückt.

Doch die Innovationen der letzten Jahre auf dem Gebiet der Gebäude- und Energietechnik sind in der Geschichte beispiellos: Ein neues Wohnhaus, Baujahr 2014, mit gleich viel Wohnfläche braucht sieben Mal weniger Energie als vor einem halben Jahrhundert. Das Verbrennen von fossilen Brennstoffen entfällt und der mit dem Betrieb und der Versorgung verbundene Ausstoss an CO2 sinkt auf einen Bruchteil des früheren Werts. Für eine umfassende Energiewende ist es entscheidend, beim Gebäudebestand anzusetzen. Denn rund 40 bis 50 Prozent des Gesamtenergiebedarfs und der schädlichen CO2-Emissionen gehen in der Schweiz auf das Konto der Gebäude.

Ambitionierte Vorgaben für 2050
«In Zukunft werden sogar Nullenergiehäuser möglich sein», erläutert Urs Rieder, Professor für Gebäudetechnik an der Hochschule Luzern. Dabei sei allerdings zu bedenken, dass jedes Gebäude für den Betrieb von Heizung respektive Wärmepumpe, Haustechnik und Beleuchtung zwingend einer von aussen zugeführten Energie bedürfe. Mit effizienten Wärmepumpen, die für den Betrieb nur ein Minimum an Strom benötigen, sowie dank Fotovoltaik oder Hybridkollektoren kann aber direkt vor Ort Energie erzeugt werden. Die Wärmepumpe nutzt Energie im Wasser oder Boden, Fotovoltaik wandelt Sonnenenergie in Strom um. Netto müsste also künftig eine ausgeglichene Bilanz möglich sein: Das Gebäude produziert übers Jahr gleich viel Energie, wie von aussen zugeführt wird.

«Der Trend geht in diese Richtung», ist Rieder überzeugt. In der EU dürfen Neubauten ab 2020 nur noch als Zero-Emission-Gebäude entworfen werden. Die Schweizer Energiepolitik verlangt ebenfalls, dass Gebäude zukünftig deutlich weniger Energie benötigen und weniger schädliches CO2 ausstossen. Die Kantone verschärfen die Vorschriften für Neubauten bis 2020 noch einmal erheblich. Bis 2050 müssten zudem ältere Gebäude umfassend saniert werden. Während man im Neubau dank technischer Innovationen schon überaus weit ist, bleibt bei Altbauten sehr viel zu tun. «Vor allem bei Fassaden ist die Sanierungs- und Erneuerungsrate noch zu niedrig, um innert 50 Jahren sämtliche Altbauten umzurüsten», berichtet Thomas Ammann, Ressortleiter Energie- und Bautechnik beim  Hauseigentümerverband (HEV) Schweiz.

Wärmepumpe statt Riesenheizung
Im Umgang mit älteren Gebäuden, welche die Mehrheit aller Bauten in der Schweiz darstellen, ist eine klare Strategie notwendig. Typischerweise erfolgen oft unkoordinierte Einzelmassnahmen, anstatt dem komplexen Zusammenspiel der verschiedenen Elemente wie Fenster, Dach, Fassade, Wärmedämmung und Heizung Rechnung zu tragen. «Geht eine alte Heizung kaputt, muss man sich bei einer Reparatur oder einem Ersatz die künftigen Optionen offenhalten», empfiehlt Urs Rieder. Es  macht wenig Sinn, eine zu gross dimensionierte Heizung einzubauen, wenn einige Jahre später die Wärmedämmung der Fassade verbessert wird und der Heizenergiebedarf sinkt.

Ist bei der Heizung ohnehin ein Eingriff unumgänglich, kann man schon heute auf eine moderne Wärmepumpe umstellen. Wärmepumpen beziehen Energie für Heizung oder Kühlung aus der Umgebung (Luft, Wasser oder Erdreich). Diese Anlagen sind in der Schweiz tausendfach erprobt und erweisen sich im Betrieb und Unterhalt als solide und kostengünstig. Sobald ein längerfristiger Sanierungsplan vorliegt, lässt sich das Gebäude später in Etappen modernisieren: Fenster, Fassade, Wärmedämmung und Dach. «Auf längere Sicht sollte sich jedes Haus, also auch ältere Gebäude, in Richtung 2000-Watt- Gesellschaft entwickeln», betont Rieder. Entscheidend sei es, bei der Planung Fehler zu vermeiden.

«Wenn ohnehin Sanierungen anstehen und verschiedene Massnahmen koordiniert umgesetzt werden, zahlen sich energetische Sanierungen im Lauf der Zeit finanziell aus», weiss Ammann vom HEV. Im Sinne der Nachhaltigkeit und Kosteneffi zienz sollte man die unterschiedlichen Lebenszyklen der Gebäude kennen und berücksichtigen.

 

Mehr als eine Minimalsanierung
Eine Heizung hat eine Lebensdauer von etwa 20 bis 25 Jahren, Fenster halten 25 oder 30 Jahre, Fassaden haben meist eine noch längere Lebensdauer. «Es macht aber keinen Sinn, funktionierende Bauteile zu ersetzen, die ökologisch noch gar nicht amortisiert sind», meint Rieder. Darum lohnt es sich oft, fachlichen Rat einzuholen. Energieberater, Architekten sowie Planer für Gebäudetechnik und Heizung sind die richtigen Ansprechpartner.

Bei Neubauten wie bei Renovationen, soweit sie einer Baueingabe bedürfen, müssen heute gewisse Werte des Energiegesetzes erreicht werden. «Langfristig betrachtet, ist es unvernünftig, sich bei Investitionen nur nach dem Minimum zu richten», sagt Ammann. Zu berücksichtigen sind in der Planung auch die persönlichen Lebensabsichten, der künftige Raumbedarf oder bei vermieteten Liegenschaften die künftige Nachfrage auf dem Mietmarkt. Rieder lässt keinen Zweifel daran, dass die persönlichen Bedürfnisse und die Energiewende gut zueinanderpassen. «Technisch können schon heute Gebäude realisiert werden, die netto mehr Strom produzieren, als sie für den Betrieb benötigen, und die praktisch keinen CO2-Ausstoss verursachen.»


Marktstand  

Preise steigen langsamer

Die Angebotspreise für Eigentumswohnungen sind 2013 in der Schweiz im Jahresvergleich um 3,3 Prozent gestiegen. Dieser Wert liegt deutlich unter dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre von 5 Prozent und bestätigt die Verlangsamung des Preiswachstums bei Eigenheimen. Regional gesehen hat Bern (7,2 Prozent) am stärksten zugelegt, dicht gefolgt von der Ostschweiz (6,5 Prozent). Wie erwartet, hat rund um den Genfersee eine Preiskorrektur stattgefunden. Der Rückgang von 1,4 Prozent ist aber zu gering, um die Risiken abzubauen. Für 2014 gehen wir davon aus, dass die Angebotspreise für Eigentumswohnungen mit etwa 2 Prozent im Durchschnitt noch langsamer zunehmen werden als im Vorjahr. Regional sind Preiskorrekturen nicht ausgeschlossen.


Die Zahlen der abgebildeten Häuser hat die Abteilung Gebäudetechnik der Hochschule Luzern, Technik & Architektur, berechnet: