«Generationen müssen an einem Strick ziehen»

Die Schweiz braucht ein höheres Rentenalter und einen tieferen Umwandlungssatz in der beruflichen Vorsorge, meint UBS-Ökonomin Veronica Weisser. Am besten beides.

11.03.2014, Interview: Lukas Hadorn

Frau Weisser, aus Ihrer Sicht ist die Altersvorsorge der Schweiz veraltet. Warum?
Weil die AHV 1948 mit ganz anderen Zielen geschaffen wurde, als das System heute verfolgt. Damals galt in der Schweiz, dass «alt» gleich «arm» ist. Die Idee der Altersvorsorge war es, diese Armut zu bekämpfen. Es ging primär um Fürsorge, also um die Unterstützung bei finanzieller Notlage.
Heute geht es vor allem um Vorsorge, also darum, seine gewohnte Lebenshaltung auch im Alter fortführen zu können.
Genau. Und das sind zwei ganz unterschiedliche Ziele, deren Vermischung innerhalb eines Systems aus ökonomischer Sicht problematisch ist. Denn während es bei der Fürsorge darum geht, von Reich zu Arm umzuverteilen, geht es in der Vorsorge darum, mit möglichst wenig Erspartem im Alter möglichst viel herauszuholen. Das sind zwei gegensätzliche Philosophien.

Was ist problematisch daran?
Es führt zu Fehlanreizen und letztlich auch zu einem Wildwuchs an Umverteilungen. Während in der 1. Säule, der AHV, von Reich zu Arm, von Männern zu Frauen und von Verheirateten zu Nicht-Verheirateten umverteilt wird, läuft die Umverteilung in der 2. Säule, der beruflichen Vorsorge, oft in die andere Richtung: von Nicht-Verheirateten zu Verheirateten und tendenziell von den tieferen zu den höheren Einkommen.

Woran liegt das?
Letzteres liegt daran, dass ein hohes Einkommen oft mit einer höheren Lebenserwartung einhergeht. Damit profitieren höhere Einkommen länger von den Pensionskassenrenten und absolut betrachtet auch stärker von dem derzeit zu hohen gesetzlichen Umwandlungssatz in der zweiten Säule.

Der Umwandlungssatz definiert, wie viele Prozent seiner Ersparnisse in der zweiten Säule man nach der Pensionierung jährlich ausbezahlt bekommt.
Exakt. Und leider ist dieser Satz in der Schweiz deutlich zu hoch. Er liegt im obligatorischen Bereich bei 6,8 Prozent, was nichts anderes bedeutet, als dass Jahrgänge, die zum Zeitpunkt der Pensionierung eine Lebenserwartung von mehr als 16 Jahren haben, mehr Mittel beziehen, als sie selbst angespart haben. Es sei denn, sie hätten eine überdurchschnittliche Rendite auf ihrem Pensionskassenkapital erwirtschaftet. Im überobligatorischen Teil sind die Sätze meistens tiefer, aber im Schnitt immer noch zu hoch.

Unsere Lebenserwartung ist also höher, als sie im Umwandlungssatz abgebildet wird?
Ja, und die Lebenserwartung wird von vielen Menschen noch unterschätzt. Die meisten wissen, dass Männer in der Schweiz etwa 80, die Frauen etwa 85 Jahre alt werden im Schnitt. Aber das ist die Lebenserwartung bei Geburt. Zum Zeitpunkt der Pensionierung liegt die Lebenserwartung für die Männer aktuell bei rund 86 Jahren, für Frauen bei 88 Jahren. Das sind deutlich mehr Rentenbezugsjahre als die 16, die der Umwandlungssatz bei moderaten Renditen abdeckt. Und es werden jährlich mehr. Eine Faustregel besagt, dass wir alle zehn Jahre ein weiteres Jahr an Lebenserwartung hinzugewinnen.

So schön das isoliert betrachtet klingt - es stellt uns mittelfristig vor massive Herausforderungen.
So ist es. Und wir erleben erst den Beginn. Seit 2010 geht die Baby-Boomer-Generation in Rente, also die geburtenstarken Nachkriegs-Jahrgänge zwischen 1946 und 1964. Noch stützt der Grossteil dieser Generation die Altersvorsorgesysteme mit ihren Beiträgen. Aber in den kommenden Jahren wird sich das umkehren. Bis 2040 werden pro Rentenbezüger nur mehr zwei bis drei Arbeitstätige einzahlen. Das stellt auch ein so gutes Vorsorgesystem wie das der Schweiz vor grosse Herausforderungen.

Was heisst das für die jüngeren Generationen in der Schweiz?
Erstens, dass sie gut ausgebildet und produktiv sein müssen, damit sie es schaffen, diese grosse Verantwortung der Finanzierung der Renten auf ihren wenigen Schultern zu tragen. Und zweitens, dass sie bei ihrer eigenen Vorsorge realistisch planen und das Thema «Selbstvorsorge» frühzeitig angehen müssen. Im Wissen, dass der Staat sie nur bedingt stützen kann.

Worauf müssen sich die älteren Generationen einstellen? Auf ein höheres Rentenalter?
Wir müssen gewissen Realitäten ins Auge blicken. Ohne die Unterstützung der heute 45- bis 65-Jährigen über das aktuelle Rentenalter hinaus, werden wir als Gesellschaft deutliche Wohlstandeinbussen hinnehmen müssen. Hinzu kommt, dass sich am Rentenalter 65 seit 1948 nichts verändert. Nur bei den Frauen liegt es mit 64 Jahren leicht tiefer. Das ist eigentlich unerklärlich. Die Generation der heute 65-Jährigen ist so gesund wie noch keine zuvor in diesem Alter. Ein höheres Rentenalter kann man als Chance oder als Last wahrnehmen. Ich ziehe es vor, dies als Chance zu sehen.

Wie können die Banken aus Ihrer Sicht helfen?
Die Banken können mit einem gut strukturierten Beratungsprozess wie jenem der UBS dazu beitragen, dass wir unsere Vermögenssituation heute und im Alter richtig einschätzen und realistische Annahmen davon treffen können, was wir an Vorsorgebeiträgen erwarten dürfen. Dazu gehört auch, allfällig notwendige Massnahmen wie die Erhöhung der Sparquote oder eine Anpassung der Anlagestrategie konsequent umzusetzen.

Der Bundesrat schlägt im Rahmen des Reformvorschlags «Altersvorsorge 2020» vor, das Rentenalter für Frauen ebenfalls auf 65 anzuheben und den Mindestumwandlungssatz von 6,8 auf 6 Prozent zu senken. Reicht das aus?
Beide Massnahmen zielen in die richtige Richtung, aber sie reichen bei weitem nicht aus. Ausserdem bürden sie die Lasten vor allem den jüngeren Generationen auf. Um Lösungen für die wachsenden Probleme unserer Altersvorsorge zu finden, müssen alle Generationen an einem Strick ziehen.