Das Handy ist das Portemonnaie der Zukunft

Karten und Bargeld machen unsere Portemonnaies dick. GDI-Forscherin Karin Frick und UBS-Produktexperte Marco Menotti blicken auf die Zahlungsmittel von morgen.

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24.04.2012, Stephan Lehmann-Maldonado (Text) und Mark Niedermann (Bilder)

Frau Frick, Herr Menotti, wie werden wir in zehn Jahren beim Einkaufen bezahlen?

Frick: Das hängt davon ab, wo und wie wir einkaufen. Neue Kanäle verlangen andere Zahlungen. Wahrscheinlich shoppen wir in zehn Jahren mehr im Internet und tauschen Angebote über Social- Media-Plattformen aus. Auch die Läden und die Kassen dürften anders ausschauen.

Menotti: Wir bewegen uns nicht auf eine Gesellschaft ohne Bargeld zu, sondern auf eine mit weniger Bargeld. Die Systeme mit Kredit- und Debitkarten werden wichtiger, die Plastikkarten selbst an Bedeutung verlieren. Ferner dürften verschiedene Kanäle stärker zusammenspielen: Bestellung im Internet, Abholung im Geschäft und Bezahlung per Handy.

Bargeld macht bei Migros und Coop rund die Hälfte des Umsatzes aus. Warum ist es so schwierig, Menschen davon «abzubringen»?

Frick: Der Wunsch nach Sicherheit ist gross. Spüre ich die Münzen, kann ich sie kontrollieren. Die Vorliebe fürs Konkrete - statt Abstrakte - ist in uns verankert. Entwicklungen werden meist von der Technik getrieben, nicht von den Bedürfnissen. Für die Anbieter ist es interessant, zusätzliche Zahlungsmittel einzuführen. Denn mit einer Kreditkarte können Kunden jederzeit spontan einkaufen. Doch die meisten Menschen möchten ihr Geld nicht schnell, sondern vernünftig ausgeben.

Menotti: Viele Einkäufe werden auch mit Debit- oder Kreditkarten bezahlt. Tendenz steigend - trotz unseres trägen Konsumverhaltens. Wir wissen aus Studien, dass sich ein Zahlungsmittel nur durchsetzt, wenn es bequem, transparent und sicher ist - und bestimmte Anreize es fördern. Allerdings ändern wir in einigen Bereichen unsere Gewohnheiten überraschend schnell. Social Media wie Facebook sind in wenigen Jahren gross geworden.

Frick: Diese Medien knüpfen am urmenschlichen Bedürfnis an, sich auszutauschen. Ist ein Teenager nicht auf Facebook, fühlt er sich von seinen Kollegen ausgeschlossen. Das Mobiltelefon diente ursprünglich geschäftlichen Zwecken, jetzt sozialen. Ein Grund für seinen Siegeszug ist auch die Technologie von Apple. Man braucht keine Computerkenntnisse, um das iPhone oder das iPad zu bedienen. Alles funktioniert mit Antippen. Das ist menschlicher, intimer. Bei der nächsten Generation dieser Technologie spüre ich sogar, wie sanft oder rau die Oberfläche ist.

Wird das Smartphone also zum Portemonnaie der Zukunft?

Frick: Ja. Das Handy kann zu einem sehr smarten Portemonnaie werden. Neben Geld schleppen wir darin noch verschiedenste Treuepunkte, Mitgliederkarten und Zettelchen mit herum. Solche Dinge lassen sich in eine App integrieren. Clevere Apps könnten künftig Kundenkarten koordinieren und mich darüber informieren, wo ich wie bezahlen kann und welche Vergünstigung ich erhalte. Gleichzeitig zeichnet sich ein Gegentrend zurück zu Goldmünzen ab. Da spielt ein Dagobert- Duck-Effekt mit - und ein Misstrauen gegen die Finanz- und Währungssysteme.

Menotti: Tatsächlich beziehen viele Schweizer Bargeld bloss, um es danach wieder einzuzahlen. Das ist weder sicher noch bequem. Doch es verschafft einem das Gefühl: Jetzt habe ich bezahlt. Es gibt einen Unterschied zwischen der Wahrnehmung und den Fakten. Ist etwas sicher oder halten wir es für sicher? Muss man sich bei einer Internetplattform fürs Banking relativ kompliziert anmelden, empfinden Kunden dies als sicher.

Frick: Gelingt es uns, bekannte Mechanismen auf neue Technologien zu übertragen, wirken diese sicherer. So kann ich beim iPhone auf dem Bildschirm einen Riegel schieben. Mit physischen Geldstücken haben wir immerhin jahrtausendelange Erfahrung …

Kreditkarten sind jünger …

Menotti: Dennoch kann ich damit weltweit Geld beziehen und bei 30 Millionen Akzeptanzstellen bezahlen. Das Kreditkartensystem ist über Jahrzehnte angewachsen und viele Investitionen stecken darin. Müssten wir es neu aufbauen, würden wir die Hände über dem Kopf zusammenschlagen! Zurzeit laufen über 100 Projekte, die versuchen, Zahlungssysteme für Smartphones zu lancieren. Technisch ist es heute möglich, mit dem Handy am Bancomaten Geld zu beziehen. Bis das zur Norm wird, dürfte es noch lange dauern. Dagegen sind die Systeme mit Kredit- und Debitkarten noch längst nicht ausgereizt. Darüber werden in der Schweiz 20 Prozent aller möglichen Zahlungen abgewickelt. In Kanada sind es 60 Prozent!

Mit Near Field Communication (NFC) lassen sich Daten verbindungslos über kurze Distanzen übertragen. Welches Potenzial birgt die Technik?

Menotti: Die NFC-Technologie ist bereits in Smartphones und einigen Kreditkarten eingebaut, etwa bei der UBS MasterCard PayPass. NFC verändert aber nur unsere Interaktion am Verkaufspunkt. Zum Beispiel muss ich nichts mehr unterschreiben. Das Kreditkartensystem im Hintergrund bleibt unverändert. Es basiert auf mehreren Parteien. Dieses Modell zu verbessern, gestaltet sich extrem schwierig.

Frick: Spannend ist der Gedanke, vom Gerät wegzukommen. Bei einem Bekannten können die Kinder die Haustür mit einem Fingerabdruck öffnen. So verlieren sie ihren Schlüssel nie. Die Kernfrage lautet: Wie kann man jemanden für eine Handlung autorisieren - ohne Handy oder Kreditkarte? Denkbar ist auch ein System, das die Gesichter erkennt.

Menotti: Die Karte dient nur als Medium. Um im Internet zu bezahlen, brauche ich sie nicht. Ich muss die nötigen Daten kennen.

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Das Internet ist auch ein Tummelplatz für Betrüger.

Menotti: Im Internet bezahlt man meist mit Kreditkarte, selbst wenn ich einen Dienst wie PayPal wähle und die Transaktion scheinbar über andere läuft. Und bei Kreditkarten greifen Sicherheitsmassnahmen wie 3-D-Secure sowie ein ausgefeiltes Frühwarnsystem. Ist eine Zahlung suspekt, können wir sie sofort blockieren. Wer jetzt etwas in Tokio kauft und zehn Minuten später in New York eine Bestellung aufgibt, bekommt einen Anruf von uns.

Frick: Das haben viele erlebt - und das verleiht mir ein Gefühl von Sicherheit.
Menotti: Ausserdem messen wir die Betrugsaktivitäten. Diese haben zugenommen, die effektiven Verluste hingegen nicht. Folglich wirken unsere Gegenmassnahmen. Die Kreditkartentransaktionen kann man zudem übers Mobiltelefon verfolgen. Man muss nicht bis zum Kontoauszug Ende Monat warten. Zahlen mit der Kreditkarte ist sehr sicher.

Auch Google und Facebook experimentieren mit Zahlungsmitteln. Mischen diese den Markt auf?

Menotti: Nein. Facebook weist 800 Millionen Accounts aus, was zehn Prozent der Weltbevölkerung entspricht. Facebook sammelt unsere Daten und müsste eine gigantische Macht haben - denkt man. Aber so viel wir Facebook anvertrauen, wir setzen auch Grenzen. Facebook und Google haben einen riesigen Respekt vor dem Kreditkartensystem und ihre Lösungen basieren sogar darauf.

Frick: Mit Bitcoins gab es den Versuch, eine virtuelle Währung zu lancieren. Er gilt als gescheitert. Im Internet entstehen jedoch Tauschmärkte. Ob es um Autos, Ferien oder Dienstleistungen geht - auf verschiedenen Plattformen können wir alles bewerten, teilen und tauschen. Unsere Studien zeigen: Besonders jüngere Menschen unterscheiden immer weniger zwischen virtueller und realer Welt. Das Bedürfnis, ans Netz angeschlossen zu sein, ist grösser als jenes nach Privatsphäre. Und das Internet ist via Smartphones überall verfügbar.
Menotti: Verschiedene Tauschbörsen lassen sich künftig verknüpfen. Jeder kann dann einen beliebigen Gegenstand gegen einen anderen einwechseln. Der Vorteil von Geld bleibt aber, dass ich damit fast überall auf der Welt einkaufen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Internetwährung Geld je ersetzen kann, halte ich für verschwindend gering.

Für wen eignen sich Prepaid-Karten?

Menotti: Für Junge, für Leute, die aufgrund ihrer finanziellen Situation sonst keine Kreditkarte bekommen, und für solche mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis. Psychologisch steigert die Karte das Sicherheitsempfinden: Ich kann nur ausgeben, was ich geladen habe. UBS lanciert bald eine Prepaid-Karte.

Frick: Prepaid-Karten sind praktisch für Eltern. Man kann seinen Kindern eine Karte laden - und sich Diskussionen sparen.


Plastikgeld im Überblick

Debitkarte.

Damit können Sie am Bancomaten Geld abheben und in den meisten Geschäften bargeldlos bezahlen. Der Betrag wird sofort Ihrem Konto belastet. Die beliebteste Debitkarte der Schweiz ist die Maestro Card, wie sie auch UBS anbietet.

Kreditkarte.

Diese Karten sind weltweit einsetzbar, um bargeldlos zu bezahlen. Dabei wird die Zahlung Ihrem Konto nicht sofort belastet, sondern erst Ende Monat. UBS bietet die Kreditkarten Visa und MasterCard an.

PayPass.

Kreditkarten von MasterCard sind auch mit der Funktion PayPass erhältlich. Damit kann man Beträge bis 40 Franken kontaktlos bezahlen, indem man die Karte ans Lesegerät hält - ohne Unterschrift und PIN-Code. Möglich ist dies etwa in McDonald's Restaurants und an Kiosken. Neben der PayPass-Funktion bietet die UBS MasterCard PayPass alle Vorteile einer Kreditkarte.

Prepaid.

Prepaid-Karten weisen die Vorzüge einer Kreditkarte auf. Man kauft aber nie etwas «auf Kredit». Die Karte muss zuerst mit einem Guthaben aufgeladen werden. Auch die TravelCash- und die Internet-Cash-Karten sind Prepaid-Lösungen.


Karin Frick

ist Forschungsleiterin des Gottlieb Duttweiler Institute GDI.

Bevorzugtes Zahlungsmittel
PayPal («Fürs Internetshopping.»)

Liebste Spielzeuge
iPhone und iPad

Lieblingsapp
SBB App

Lieblingswebsite
www.amazon.com
(«Diese Maschine schafft es immer wieder, mir spannende Bücher vorzustellen.»)

Marco Menotti

ist Leiter Bankprodukte von UBS.

Bevorzugtes Zahlungsmittel
Kreditkarte

Mein Spielzeug
iPhone

Lieblingsapp
Meine Schwangerschaft heute («Ich werde demnächst Vater.») und WhatsApp («Für kostenlose SMS.»)

Lieblingswebsite
www.meteocentrale.ch
(«Mich interessiert alles, was mit Wetter zu tun hat.»)