Die drei Säulen des Schweizer Vorsorgesystems sind renovationsbedürftig

Interview mit Dr. Andreas Schlatter, Leiter UBS Global Asset Management Schweiz

Die Schweizerinnen und Schweizer sind zu Recht stolz auf ihr breit abgestütztes Vorsorgesystem. Die fortschreitende Alterung der Gesellschaft sowie die rekordtiefen Zinsen bei risikolosen Anlagen setzen das System jedoch zunehmend unter Druck. Bundesrat Alain Berset hat deshalb ein Reformpaket lanciert. Im Interview legt Andreas Schlatter, Leiter UBS Global Asset Management Schweiz und Mitglied der Eidgenössischen Kommission für die berufliche Vorsorge, seine Sicht zur Zukunft des Schweizer Vorsorgesystems dar und gibt Ratschläge zur Selbstvorsorge.

Herr Schlatter, vor fünf Jahren ist die Revision der zweiten Säule an der Urne gescheitert. Bundesrat Alain Berset hat nun einen Reformvorschlag vorgelegt. Wie schätzen Sie den Reformbedarf des Schweizer Vorsorgesystems ein?

Von links bis rechts ist unbestritten, dass sowohl bei der ersten Säule, der AHV, als auch bei der zweiten Säule, den Pensionskassen, Reformbedarf besteht. Je nach politischer Perspektive wird dieser sehr unterschiedlich wahrgenommen. Es ist deshalb sinnvoll, ehe über Beiträge und Leistungen gestritten wird, sich auf Prinzipien zu einigen, die es ermöglichen, ein Vorsorgesystem zu analysieren und zu beurteilen. Beispiele dazu sind etwa Generationengerechtigkeit oder Transparenz. Auch sollte die Einsicht gelten, dass versicherungsmathematische Erkenntnisse und demografische Entwicklungen langfristig nicht folgenlos ignoriert werden können.

Kritisiert wird das Paket von links und von rechts. Was halten Sie von diesen Vorschlägen?

Die Vorschläge von Bundesrat Alain Berset zielen darauf ab, für ein Bündel von Massnahmen – wie die Erhöhung der Mehrwertsteuer für die AHV oder die Senkung des Umwandlungssatzes bei den Pensionskassen – politische Mehrheiten zu finden. Die Vernehmlassung macht deutlich, dass es noch ein weiter Weg sein dürfte.

In der politischen Debatte um die Vorsorge geht es um grosse Summen. Ist das Schweizer Vorsorgesystem überhaupt reformierbar?

Ich denke schon. Letztlich sind wir alle stolz auf das Schweizer Vorsorgemodell, das auf drei Säulen beruht. Ein Beharren auf dem Bestehenden ist jedoch angesichts sich stark verändernder Rahmenbedingungen keine zukunftsträchtige Option. Mit Blick auf die AHV ist der Reformbedarf offensichtlich. Die Lebenserwartung der Pensionierten ist heute massiv höher als bei der Einführung der AHV nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Beobachtungsperiode 1948 bis 1953 hatte ein Mann bei Geburt eine durchschnittliche restliche Lebenserwartung von 66,4 Jahren. Es war also keine Selbstverständlichkeit, überhaupt das Pensionsalter zu erreichen. Nur rund die Hälfte der Männer wurde 65 Jahre alt. 2010 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt 80,3 Jahre. Die Wahrscheinlichkeit, eine AHV-Rente zu erhalten, ist über die Jahre stark angestiegen. Die Frauen erfreuen sich einer noch höheren Lebenserwartung: Sie betrug bei Alter 65 im Jahr 1948 14,0 Jahre, im 2010 bereits 22,2 Jahre und wird bis 2050 auf 26,3 Jahre ansteigen.

Gleichzeitig haben wir heute im Durchschnitt weniger Kinder. Da die AHV im Umlageverfahren finanziert wird – die Erwerbstätigen bezahlen für die AHV-Rentner –, ist es notwendig, deren Finanzierung tabulos zu diskutieren. Neben neuen Finanzierungsquellen für die AHV sollte auch eine Erhöhung des Pensionsalters in Betracht gezogen werden. Da wir glücklicherweise länger leben, ist es nur fair, dass wir auch länger – etwa Teilzeit – arbeiten. Ansonsten werden die Lasten der AHV-Finanzierung einfach in die Zukunft verschoben zu Lasten der kommenden Generationen.

Wie bewerten Sie die Ausgangslage bei der zweiten Säule, den Pensionskassen?

Auch bei den Pensionskassen sind Anpassungen unausweichlich. Die Vorsorgeguthaben der Versicherten wachsen angesichts rekordtiefer Zinsen bei risikolosen Staatsobligationen weniger schnell als früher; gleichzeitig beziehen die Neupensionierten ihre Rente länger. Wird der Umwandlungssatz zur Berechnung der Renten nicht an diese Gegebenheiten angepasst, so werden die Renten zunehmend von den aktiven Mitarbeitern subventioniert. Eine solche Umverteilung von Jung zu Alt war bei der zweiten Säule jedoch nie vorgesehen – sie ist systemwidrig. Auch hier steht die Frage im Raum: Ist dies gegenüber der aktiven Generation gerecht? Wird der Umwandlungssatz jedoch den aktuell tiefen Zinsen angepasst, so erhalten die Neupensionierten eine kleinere Rente, als sie möglicherweise erwartet haben. Ist dies zumutbar? Wie solche Fragen auch immer beantwortet werden: In jedem Fall gilt die ökonomische Binsenwahrheit, dass am Ende jemand die Zeche bezahlen wird. Um das Schweizer Vorsorgesystem zu reformieren, ist also in jedem Fall ein politisch breitabgestützter Kompromiss notwendig. Ich bin überzeugt, dass über kurz oder lang die Einsicht dazu reifen wird.

Die UBS hat gemeinsam mit Ökonomen der Universität Freiburg im Breisgau errechnet, dass im Schweizer Staatshaushalt eine Nachhaltigkeitslücke von 166 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) klafft, die hauptsächlich durch eine nicht nachhaltig finanzierte AHV zustande kommt. Was müsste getan werden, um diese Lücke zu schliessen?

Die Studie zeigt, dass wir vor allem ein Babyboomer-Problem haben, insofern diese geburtenstarken Jahrgänge nun zunehmend in Pension gehen. Ein Mix aus höheren Beiträgen und angepassten Leistungen könnte einen Beitrag dazu leisten, die finanzielle Lage der AHV zu verbessern. Da die durchschnittliche Lebenserwartung der Pensionierten glücklicherweise weiter zunimmt, könnte eine Flexibilisierung des Pensionsalters nach dem Modell von Schweden ins Auge gefasst werden.

Wie sind wir in der ersten und in der zweiten Säule überhaupt in eine solche Finanzierungsproblematik geraten?

Sie sind struktureller Natur und haben über die Jahre an Bedeutung gewonnen. Zu nennen ist etwa die demografische Entwicklung – im Verlauf des kommenden Jahrzehnts wird in der Schweiz rund eine Million Menschen das Pensionsalter erreichen. Dies bei einer Bevölkerung im Erwerbsalter von rund fünf Millionen. Zudem werfen Staatsanleihen von soliden Schuldnern wie der Schweiz nur noch sehr geringe Zinsen ab. Dies erschwert das Ansparen von Vorsorgekapitalien in der zweiten Säule. Entsprechend sind die derzeit gültigen Umwandlungssätze im Vergleich zu den an den Märkten erzielbaren Renditen zu hoch.

Politik und Berater versuchen, auch junge Erwerbstätige möglichst früh zur privaten Altersvorsorge anzuregen. Lohnt sich das überhaupt angesichts rekordtiefer Realzinsen und der Gefahren durch die weltweite Verschuldung?

Die Anlagerichtlinien der beruflichen Vorsorge, die auch für die steuerbegünstigte Säule 3a gelten, sind flexibel genug, um auch im derzeitigen anspruchsvollen Marktumfeld Renditechancen wahrzunehmen. Eine gute Beratung ist auch hier Gold wert.

Der Grundsatz «Je früher, desto besser» stimmt also immer noch?

Absolut. Einerseits spielt über einen langen Anlagehorizont hinweg der Zinseszinseffekt. Andererseits erlaubt eine Anlagestrategie über zehn oder zwanzig Jahre, kalkuliert mehr Risiko einzugehen, was zu einer höheren Verzinsung der Vorsorgekapitalien führen kann.

Aus der Beratungstätigkeit Ihrer Bank: Welchen Fehlern in der Altersvorsorge begegnen Sie am häufigsten?

Je nach individueller Lebenssituation geniesst die Vorsorgethematik oft nicht erste Priorität. Dazu kommt, dass das Schweizer Vorsorgesystem kompliziert ist und gerade bei der zweiten Säule immer komplexer wird. Beides erschwert den Umgang mit der Vorsorgethematik. Grundsätzlich empfiehlt es sich, sich rechtzeitig um die eigene Vorsorge zu kümmern. Diese ist bereits für Twens – etwa im Rahmen der Säule 3a – attraktiv. Sie bietet dafür die Möglichkeit, Steuern zu sparen und Kapital aufzubauen, das für den Eigenheimerwerb oder die Selbständigkeit genutzt werden kann. Sie sehen, eine rechtzeitige Vorsorgeplanung eröffnet Lebensperspektiven – schon lange vor der Pensionierung.

Das eigene Haus spielt für viele Schweizer eine zentrale Rolle bei der Altersabsicherung. Wie bewerten Sie das?

Die Immobilienpreise sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Der UBS Real Estate Bubble Index steht derzeit auf Stufe «Risiko». Man sollte es sich deshalb heute gut überlegen, im Rahmen der Wohneigentumsförderung Kapital aus der Pensionskasse abzuziehen, um damit Wohneigentum zu erwerben. Diese Rechnung dürfte heute nicht mehr in jedem Fall aufgehen.

Dr. Andreas Schlatter

Leiter UBS Global Asset Management Schweiz

Lebenslauf