SitemapContact
         
 

Aargauer Zeitung, 04.02.2005

  

Zwischen Blue Chips und orangen Signalen

  

Marketing und Kunst Gedanken zu zwei gegensätzlichen Kunstereignissen in NewYork.

  

Von Christos Grossprojekt im Central Park ist kurz vor Beginn noch kaum etwas zu sehen. In Szene setzt sich dagegen das neue Museum of Modem Art. Dass gerade die UBS im MoMA mit ihrer Sammlung die erste Wechselausstellung bestreitet, ist eine kleine Sensation - mit Vorgeschichte.

    

New York am letzten Januarwochenende. Viel Publikum drängt sich in die Museen. Doch weder vor der grossen AztekenSchau im Guggenheim noch vor dem Metropolitan Museum bilden sich Schlangen. Und selbst beim «neuen» MoMA halten sich die Wartezeiten in Grenzen. Die längste Schlange sehe ich am Wochenende vordem Empire State Building, die meisten Menschen im Central Park. Hier ist mit «The Gates» von Jeanne Claude und Christo auf den 12. Februar der grösste New Yorker Kunstevent des Jahres angesagt. Unzählige Skizzen und Fotomontagen füllen bereits Bücher, die omnipräsent in den Buchhandlungen und Museumsläden der Stadt aufliegen.

  

Im Central Park selber ist erst wenig zu sehen. Die Menschen hier sind am Spazieren, Schlitteln, Schlittschuhlaufen, führen ihre Hunde aus oder geniessen ganz einfach den schönen Wintertag im Schnee. Einzig unzählige Metallsockel säumen die kilometerlangen Fusswege. Mit ihren orangen Sicherheitsgitterchen wirken sie malerisch und seltsam unnütz. Die Sockel werden als Fundamente für die 7500 Tore dienen, die, mit orangefarbenen Tüchern behängt, den Central Park für 16 Tage zum Kunsterlebnis machen sollen. Sie lassen einen bereits jetzt die riesigen Dimensionen dieser raumgreifenden Arbeit erahnen, ebenso die Idee nachvollziehen, wie die gewundenen Wege zu leuchtenden Schlangenlinien im Weiss oder Grün des Parks mutieren werden.

  

Schlange stehen soll man auch nach der Fertigstellung nicht, ebenso wenig Eintritt zahlen. Jeanne Claude und Christo wollen dem breiten Publikum - wie immer - ein freies Seherlebnis bieten. Sie möchten, dass viele Menschen ihr Werk sehen und den Ort neu wahrnehmen.

  

Nach sechzehn Tagen wird die Installation so diskret verschwinden, wie sie kam. Gebaut oder geändert wird nichts im Park, trotzdem hat das Künstlerpaar zwanzig Jahre für die Realisierung dieser Arbeit gekämpft. Und die Kosten? Darüber gibt es keine Informationen. Einzig, dass die Künstler ihr Werk, aber auch die Hunderte von Mitarbeitern wie gewohnt selber finanzieren, aus dem Verkauf der Zeichnungen, Fotos und Bücher. Sponsoren gibt es bei ihnen nicht  - das mutet im Sponsor-orientierten US-Kulturmarkt überraschend und fremd an. Finanzieren sich doch zum Beispiel die Museen grösstenteils durch Sponsoring. Auch beim MoMA haben Gönner mit über 500 Mio. Dollar den grössten Teil der Kosten für den Neu- und Umbau finanziert.

  

Szenenwechsel: Dienstagmorgen, 2. Februar. Vor dem MAMA bilden sich keine Menschenschlangen, das Museum ist am Dienstag geschlossen, aber Dutzende von Journalisten drängen in die grosse Halle. Es ist Medienkonferenz für die Ausstellung «Contemporary Voices: Works from The UBS Art Collection». Normalerweise macht man kein allzu grosses Aufsehen, wenn eine Firma ihre Kunst zeigt. Dass die UBS Sammlung aber als erste Wechselausstellung im neuen MoMA gezeigt wird, lässt aufhorchen, ist das legendäre New Yorker Museum seit seiner Erweiterung und Wiedereröffnung im letzten November doch in den Schlagzeilen und gehört zu den renommiertesten Museen der Welt.

  

An das Vokabular bei der Medienkonferenz mussten sich Menschen aus der Kunstszene allerdings erst gewöhnen. Denn für einmal führten nicht nur Museumsleute das Wort, sondern eben auch Banker. So kündigte die Schweizer Weltbank nicht einfach Meisterwerke an, sondern die «Blue Chips» ihrer Art Collection. Vom Bankerslang soll man sich nicht abschrecken lassen, gezeigt wird Kunst.

  

Aber wie hat es die UBS überhaupt geschafft, ihre Sammlung ins MoMA zu bringen? Allein mit Sponsoring oder Geld geht das nicht und bis vor kurzem war auch nicht bekannt, dass die Schweizer Weltbank eine Sammlung von internationalem Renommee besitzt. Man wusste lediglich, dass die UBS und ihre Schweizer Vorgängerbanken Kunst angekauft hatten. Aber für eine MoMA-Ausstellung wäre sie nicht geeignet. Zu den Kunst-Top-Shots kam die UBS im Jahr 2000, als sie die amerikanische Bank PaineWebber übernommen hatte. Sie konnte damit eine führende Position im Privatkundengeschäft aufbauen und bekam - quasi als Zugabe - die Kunstsammlung von PaineWebber.

  

Für die UBS ist die Kunstsammlung ein Image-Projekt. «Vor einem Jahr wurde entschieden, aus den disparaten Sammlungen der einzelnen Vorgängerbanken der letzten 30 Jahre die UBS Art Collection zu schaffen», erklärt Collection Executive Petra Arends. «Tausende von Werken wurden von unabhängigen Kunstexperten geprüft, die besten 900 aufgenommen.» Der neue «Brand» soll nun promotet werden, vorgesehen sind weitere Ausstellungen in den besten Museen der Welt. Ob die nächste Station Beyeler in Basel ist, wie in Schweizer Medien zu lesen war, konnte Arends aber nicht bestätigen: «Unterschrieben ist noch gar nichts.» Aber die UBS will auch weitersammeln, sie hat dazu eine hochkarätige Kommission, ein Advisory Board, bestellt und Vorgaben entwickelt: Die Werke müssten Museumsqualität haben und transportierbar sein. Videos seien ausgeschlossen, ebenso «Anstössiges».

  

Die «neue» UBS Art Collection ist zum grössten Teil die «alte» PaineWebber Sammlung. In der MoMA Auswahl sind sogar ausschliessllich PaineWebber Werke zu sehen. Kein Wunder, stand am Dienstag Donald B. Marron, ehemaliger CEO von PaineWebber, im Mittelpunkt des Interesses. Er hat diese Sammlung aufgebaut, gegen 900 Werke, die er auf seinen Erkundungstouren in Soho gefunden hat oder die ihm von seinen Kuratoren empfohlen wurden.

  

Es sei «an exciting thing to see this collection in the MoMA», meinte er begeistert. Marron war auch lange Chairman des MoMA, heute noch ViceChairman - und nach ihm ist die grosse Eingangshalle des Museums benannt.

  

Neben diesen guten Beziehungen ebnete eine Schenkung den Weg zur Präsentation im neuen sechsten Stock des MoMA. Insgesamt 44 Werke der jetzigen UBS Art Collection gehen ans MoMA, einige davon schenkte Marron bereits 1992 noch aus der PaineWebberSammlung, der Rest wird - aus Steuergründen gestaffelt - bis 2017 in Museumsbesitz gelangen, MoMA Direktor Glenn D. Lowry betonte, wie wichtig Geschenke und Kooperationen für das Museum seien, nur so könne es wachsen und seinen Ruf erhalten.

  

Insgesamt hängen 64 UBS-Werke aus den letzten 40 Jahren. Die Liste - von Richard Artschwager und Georg Baselitz über Francesco Clemente, Donald Judd und Gerhard Richter bis AndyWarhol und Christopher Wool - liest sich wie ein Who's who der jüngsten Kunstgeschichte.

  

Ausgewählt wurden diese Rosinen von Donald Marron schon vor zehn Jahren. Ann Tempkin, die MoMA Kuratorin, erzählte, sie habe bei den neuesten Arbeiten, etwa von Damien Hirst, nur noch ergänzt. Sie hat die Werke einigermassen chronologisch gehängt, von den «Old Masters» der amerikanischen Kunst (Rauschenberg, deKoonig, Guston, Warhol) über die Minimalisten (Judd, Flavin) und die Feministinnen (Sherman, Rothenberg, Kiki Smith) bis zu den «Gernian Peaks» (Richter, Kiefer, Beuys) und den Youngsters (Hirst, Gursky, Struth). Gesammelt und gehängt wurden die wichtigsten Namen, von einigen Künstlern aber zum Glück auch eigenwillige Werke. Gemälde, Fotografien, Zeichnungen dominieren, Skulpturen oder Objekte sind äusserst rar. Es gibt seltsame Übergänge, zum Teil etwas verloren wirkende Einzelwerke, aber auch wunderbar stimmige Räume.

  

UBS habe eine Tradition, Kunst zu unterstützen, betonte Mark Sutton, CEO von UBS Wealth Management USA, in seiner Rede. Wichtig sei, sie öffentlich zu machen und Vermittlungsarbeit zu leisten. Wie ers denn selber mit der Kunst halte, wollte ich beim Lunch wissen, was bei ihm im Büro hänge? «Im Moment nichts.» Ob er Wünsche habe? «Nein, aber die zuständigen Leute werden mir sicher wieder etwas Schönes hinhängen.»

  

Zahlen über die Kosten des MoMAProjekts und das zukünftige Budget werden keine kommuniziert. Auch nicht über den Wert der Sammlung. Gerüchte sprechen von 150 Mio. Dollar. In der UBS Bilanz ein Klacks, für zeitgenössische Kunst ein happiger Wert. Man kann sich immerhin per Internet über die gesamte Sammlung informieren. Die UBS hat ein «OnlineMuseum» eingerichtet, zu finden unter www.ubs.com/artcollection.

 

Ein Spaziergang zum Central Park soll den Kopf lüften. Und er macht die Gegensätze vom Renommier-Museum MoMA und der UBS Collection zum subversiv anmutenden Christo Projekt deutlich. Hier der MoMA Bau des japanischen Stararchitekten Yoshio Taniguchi mit all seinen Sponsoren-Galerien voller Weltkunst, dort der Künstlertraum von einem öffentlichen, temporären, aber visuell aufsehenerregenden und den Alltag verändernden Kunstwerk. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten: Beide brauchen ein hervorragendes Marketing, um überhaupt ein breites Publikum auf sich aufmerksam machen zu können. Aber eigentliche Grundlage für den Erfolg beider - das darf man bei allem Medienrummel oder Buhlen um Geld und Ansehen nicht vergessen - ist die Faszination der Kunst selber.

  

von Sabine Altorfer

   

Contemporary Voices: Works from The UBS Art Collection. MoMA, NewYork. Bis 25. April. www.moma.org.

  

Christo und Jeanne Claude: The Gates. Central Park, NewYork. Vom 12. Februar an l6Tage. www.christojeanneclaude.net.

 

back to Press Archive 2005

 
   
   
   

Important legal information - please read the disclaimer before proceeding.

Products and services in these webpages may not be available for residents of certain nations.

Please consult the sales restrictions relating to the service in question for further information.