Neue Zürcher Zeitung, 28.02.2005
Was kommt nach dem Sichtbaren?
Die UBS Art Collection im New Yorker MoMA
Das Ende ist nicht das Ende. Edward Ruschas Bild «The End», das den Schluss eines alten Hollywoodfilms evoziert, hängt nicht am Ausgang der Ausstellung «Contemporary Voices: Works from the UBS Art Collection», sondern an ihrem Beginn. Als letztes Bild sieht man Roy Lichtensteins «Post Visual» von 1993. Was kommt nach dem Sichtbaren? Die Auswahl aus der UBS-Sammlung, die derzeit im jüngst vom japanischen Baumeister Yoshio Taniguchi aufwendig renovierten Museum of Modem Art in New York zu sehen ist, ist die erste Wechselausstellung in dem dafür vorgesehenen obersten Stock. Ihr zugrunde liegt die 30-jährige Sammlerleidenschaft des Bankiers Donald B. Marron, des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der amerikanischen Bank PaineWebber, der als langjähriger Präsident und jetziger Vizedirektor des MoMA-Verwaltungsrats auch eine entscheidende Rolle bei der Erweiterung des Museums im Jahr 1984 spielte. Als die UBS vor fünf Jahren mit dem amerikanischen Vermögensverwalter fusionierte, ging diese hochkarätige Sammlung in ihren Besitz über (NZZ vom 12.2.05). Ein Teil der Sammlung, 64 Kunstwerke aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sind hier auf provisorischen Stellwänden zu sehen, 44 davon gehen als Schenkung der UBS an das Museum of Modern Art in dessen ständige Sammlung ein.
«Contemporary Voices» versammelt die Stimmen von herausragenden amerikanischen und europäischen Künstlern, angefangen beim abstrakten Expressionismus bis hin zur zeitgenössischen Fotografie. Die Schau, die mit Philip Gustons spätem Selbstporträt «In the Study» (1975) einsetzt, beruht - bis auf ein schmales Wandrelief von Donald Judd - ausschliesslich auf Gemälden, Grafiken und Fotografien. Sie ist weitgehend chronologisch gehängt und enthält nicht nur eine beeindruckende Fülle klingender Namen der Nachkriegszeit, darunter Jasper Johns und Andy Warhol, Chuck Close, Lucian Freud und Cindy Sherman, sondern auch eine Reihe exquisiter Werke, wie etwa Willem de Koonings lichtes, fast transparentes Spätwerk «Untitled III» aus dem Jahr 1982.
Hauptsächlich in den achtziger Jahren zusammengetragen, konzentriert sich die Sammlung in erster Linie auf die Malerei. Auffallend ist die starke Präsenz deutscher Künstler, darunter Gerhard Richter, Georg Baselitz, Sigmar Polke und Thomas Struth. Claes Oldenburg, Joseph Beuys und Cy Twombly sind mit delikaten Arbeiten auf Papier vertreten. Es gibt stimmige Räume, beispielsweise mit Susan Rothenbergs vibrierenden, numerisch betitelten Tänzerinnen «1, 2, 3, 4, 5, 6»; und manche der Fotografien, wie etwa Andreas Gurskys grossformatige Fotografie «99 Cent», sind allein den Weg wert. Gleichwohl lässt die Ausstellung den Betrachter unbefriedigt zurück.
Obschon die meisten Werke nicht in Hinblick auf dekorative Zwecke erworben wurden, dominieren die mittleren Formate; auch sonst ist der Eindruck der «Bürotauglichkeit» nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Schau bietet eine Ansammlung ambitionierter Arbeiten, aber keinerlei Irritation; lediglich Richard Artschwagers fahle, auf einer Zeitungsfotografie basierende Abendmahl Variation «Seated Group» wirkt in dieser Umgebung beinahe unheimlich; auch Anselm Kiefers schwarz lodernde Komposition «Wege der Weltweisheit: die Hermannsschlacht» entfacht unter all den leuchtenden Farben eine geradezu drohende Wirkung. Sonst aber erscheint diese Sammlung - als Ausstellung - allzu vorhersehbar. Produktive Reibungsflächen fehlen, ein Konzept oder eine Fragestellung sucht man vergeblich. Das liegt in der Natur der Sache und ist weder dem Sammler noch der Stifterin anzukreiden. Für ein Museum jedoch, das nach einer spektakulären Neueröffnung mit seiner ersten Wechselausstellung Signale für eine künftige Ausstellungspolitik setzt, ist der Auftakt mit einer grosszügigen Schenkung kein gutes Zeichen - und hoffentlich nicht der Anfang vom Ende einer auf individuelle Auswahl bedachten Sammlerkultur.
von Andrea Köhler
back to Press Archive 2005 |