Basler Zeitung, 25.11.2005
Siebzig Stimmen im Chor
«Contemporary Voices» - die UBS Collection in der Fondation Beyeler
Erstmals gewährt die Fondation Beyeler einer in sich geschlossenen Sammlung Gastrecht: Die 70 Werke der UBS Collection - Gemälde und Papierarbeiten - sind mehr als eine freundschaftliche Geste.
Eigentlich wäre er ja, zu Beginn seiner Karriere, ganz gerne Bühnenbildner geworden. Nun hat Ulf Küster (39), der neue Kurator der Fondation Beyeler, die Ausstellung «Contemporary Voices» eingerichtet, und wer vermutet, dass ihm bei dieser Aufgabe sein Gespür für Bühnenbau kein Nachteil war, liegt bestimmt nicht falsch: Wie anders vereint man Solisten unterschiedlichster Stimmlage zu einem heiteren Chor? Küster hat es mit Bravour gemeistert - das Ohr des Dirigenten ist das Auge des Bühnenbildners.
FÜRS BÜRO.
Die UBS Collection in der Fondation Beyeler - das sind rund 70 Werke für die grosse Kunstweltbühne, das ist vorwiegend Malerei, das sind die prominenten Signaturen. Das Sahnehäubchen einer Sammlung aus insgesamt 900 Werken, mit Beuys und Baselitz, Freud und Francis, Rauch und Richter, Winters und Wool - geschmackvoll, wertvoll, office proofed. Und da, wer Kunst mit Sachverstand fürs Büro sammelt, dies nicht ohne Stolz und Geltungswille tut, sucht man das sichere Siegel des Kunstmarkts nie vergebens.
Der Vater dieser Sammlung heisst Donald B. Marron, ehemaliger PaineWebber CEO und grosser Kunstfreund, der seit 1977 auch im Auftrag seines Arbeitgebers auf Einkaufstour in Galerien und an Kunstmessen ging. Mit der Eingliederung der PaineWebber in die UBS im Jahr 2000 fiel die Kollektion an die Schweizer Grossbank.
IM ALPHABET.
Ergänzt um einige Perlen aus eigenen Beständen, ist das Ensemble nun auf Tournee: Nach dem Museum of Modem Art (New York), dem gut die Hälfte der Exponate fest versprochen sind, ist die Fondation Beyeler die zweite Station. Was frei verfügbar bleibt, soll später in der Tate Modern London die eine oder andere Sammlungslücke schliessen.
Die Ordnung des Katalogs dieser Schau ist das Alphabet, die Ordnung der Ausstellung das geübte Auge: Bei so viel Prominenz darf es auch mal mehr lustvolles Streiflicht denn listige These sein. Und dass in der Art Banking Abteilung der UBS die Kunstwerke per Quadratmeter eingeschätzt werden, ist spätestens im zweiten Raum vergessen: Frank Stellas mächtiges, farbtrunkenes Aluminiumobjekt «Wheelbarrow» von 1988 wellt in den Raum wie der Deckel einer Tunfischdose und ist mit den Werkzeugen der Geometrie schlicht nicht mehr zu vermessen.
IM SIEGESZUG.
Rund um diesen Gravitationspunkt erfüllt sich der amerikanische Traum der expressiven Abstraktion mit malerischer Opulenz: So viel Farbe war selten in der Fondation, und da von den Blue Chips der US-Kunst vor allem die stabilen Namensaktien erstanden wurden, spiegelt die Konfektion die Vorlieben des Sammlers nicht weniger als die Performances des amerikanischen Kunstmarkts: Auch bei den Deutschen Baselitz, Richter, Kiefer und Polke, die in den USA mitten im Siegeszug der grossen Geste (Arbeiten von Jasper Johns, Sam Francis, Richard Diebenkorn, Robert Rauschenberg, Brice Marden) deutsch und deutlich die Vergangenheit in Erinnerung riefen.
IN DER NACHT.
Wenn einer der Solisten ausnahmsweise mehrstimmig in Erscheinung tritt, wirds interessant: Damian Hirsts «Bonbons fürs Auge» zeugen vom Sprung vom verdrehten Spin zum konzeptuellen Spot Painting. Richter ist mit drei sehenswerten Arbeiten aus zwei Werkphasen vertreten, Cy Twombly schwingt den Stift über sieben Blätter, und Ed Ruscha setzt im letzten Raum, der ganz der Schriftkunst gewidmet ist, mit dem düsteren Filmriss Gemälde «The End» in Unheilschwangerer Fraktalschrift den Schlusspunkt.
Dazwischen ist es ist ein bisschen so, als taste man sich bei Nacht durch ein Museum für Gegenwartskunst, und alle paar Minuten schaltet der Wächter kurz das Licht an.
Das liegt auch an der Beschaffenheit dieser Materie. Die Ausstellung beginnt dort, wo die Kunstgeschichte aufhört, linear zu sein. Pop Art, Postmoderne, Waren und Konsumkunst - Tony Craggs Mondsichel aus allerlei kaputten Plastikteilen gibt das Leitthema vor; in Roy Lichtensteins «Post Visual» (1993) hängt das Bild im Bild längst gemütlich überm Sofa. Andy Warhols Pistolenheld «Cagney» steht kurz vor dem finalen Schuss, gleich daneben zeigt seine «Mao» Zeichnung auf, wo Warhols Stärken liegen. Und dass in diesem Pop Prolog auch das wohl teuerste Werk, Lucian Freuds grandioses «Double Porträt», einen Logenplatz erhalten hat, sagt schon viel aus über die inneren Hierarchien dieser Ausstellung.
VOR DEM VERGESSEN.
Es gibt auch einige, die in Europa bald vergessen würden. An die Turbo Abstraktionen des Briten Howard Hodgkin, Mitte der 80er Jahre auf dem Höhepunkt seiner Karriere, darf man sich wieder erinnern, an die pastosen Farbfelder von Elizabeth Murray muss man sich wieder gewöhnen. Und dass Robert Moskowitz 1981 in der Kunsthalle Basel gefeiert wurde, ist heute wohl vielen so dunkel wie sein schwarzer Leuchtturm in schwarzer Nacht.
So ist es das Verdienst des Bühnenbildners Ulf Küster, dass das Auge nie müde wird, zwischen einem Brice Marden (ein wunderbares Gemälde), Sam Francis (ein wunderbares Aquarell) und Richard Serra (eine wunderbare Papierarbeit) stets ganz exakt nichts anderes als das Wunderbare zu suchen. Oder dann erstaunt eine versteckte Hirschkuh von Joseph Beuys zu entdecken, die sich nicht nur wegen der frühen Datierung (1950) auf einer etwas abgelegeneren Weide niedergelassen hat.
IN DER GEGENWART.
Wie liest man nun diese Ausstellung? Vielleicht doch am besten als amerikanische Fussnote zur pointierten «Flashback» Schau derzeit im Basler Museum für Gegenwartskunst. Und dass sich neben Beyelers Sammlung die Triebkräfte der Zweiten Moderne versammeln (und mit Wolfgang Laib erstmals ein lebender Künstler eine eigene Ausstellung erhält, vgl. Seiten 6/7), darf durchaus als Testlauf für eine Öffnung des Programms in Richtung Gegenwart verstanden sein. Und als Zeugnis einer Zeit, in der die Kunst das Kapital und manchmal auch das Kapital die Kunst versöhnlich stimmt. Wenn auch noch ein paar kapitale Werke dabei sind, lässt sich dies das Auge des Bühnenbildners gern gefallen. Fondation Beyeler, Riehen. So, 27.11.2005 bis 26.2.2006.
von Alexander Marzahn
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