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Neue Zürcher Zeitung, 02.12.2005

  

Rhythmus und Energie

  

«Contemporary Voices» in der Fondation Beyeler. Nach dem Auftakt im New Yorker MoMA (Frühjahr 2005) ist die Fondation Beyeler in Riehen die erste europäische Station der UBS Art Collection. Eine eindrucksvolle Schau aus Stimmen der zeitgenössischen Moderne.

  

«Ich war immer der Ansicht, dass gute Kunst selbst ihr bester Vermittler ist.» Das ist ohne Zweifel so   nicht nur im Museum, sondern auch im Büro. Donald B. Marron, ehemaliger Chef der amerikanischen PaineWebber Vermögensverwaltung, hatte immer die Räume seiner Firma vor Augen, wenn es um neue Ankäufe für seine Sammlung ging. Schliesslich mussten seine Mitarbeiter einen guten Teil ihrer Zeit mit den Werken verbringen. Dass er nur selten etwas umhängen oder austauschen musste, spricht für sein sicheres Gespür, Kunst und Arbeitsatmosphäre perfekt zu vermitteln, in diesem Sinne hat er eine gelungene «Firmensammlung» geschaffen. Darüber hinaus war Marron aber stets überzeugt, dass gute zeitgenössische Kunst etwas von der Energie der Gesellschaft, in der sie entsteht, widerspiegeln sollte. Um solche Kunst bei sich zu versammeln, dazu war nicht nur ästhetisches Gespür, sondern ebenso der Mut zu einer ganz persönlichen Handschrift nötig.

  
Von berufenem Auge ausgewählt

  
Es ist ebendiese Handschrift, die uns in den Räumen der Fondation Beyeler jetzt entgegentritt. Rund neunhundert Werke umfasst die riesige UBS Collection, in der die Sammlungen mehrerer Firmen zusammengeflossen sind. Die 70 Bilder, Zeichnungen und Fotos, die hier versammelt sind, gehören zum Besten des Gesamtbestands  und sie wurden von einem berufenen Auge ausgewählt. Dazu muss man wissen, dass Marron schon vor der Übernahme von PaineWebber durch die UBS einen Teil seiner Sammlung dem Museum of Modern Art versprochen hat, das sich die Werke selbst aussuchen konnte. Und genau diese Wahl - der Extrakt vom Besten der Marron Sammlung - wird in der Wanderausstellung gezeigt. Bereichert natürlich durch manche Werke, die den Sammlungen der fusionierten Banken entstammen, und selbstverständlich durch kleine Zugaben der Fondation. Kein Zweifel aber, dass die Zusammensetzung der Schau im Kern die Vorlieben von Donald B. Marron nachzeichnet.

    
Reine Sammlungsausstellungen sind selten spannend. Es fehlt der thematische Reiz, und allein die Geschichte der Sammlung vermag kaum zu locken. Was macht man also mit guter Kunst unter so wenig spannenden Vorgaben? Man choreographiert sie. Wie schon beim «Blumenmythos» im Frühjahr kommt es bei den «Contemporary Voices» auf das Schauspiel mit prominenten Darstellern sowie Haupt  und Nebenrollen. Ein expressives Schauspiel natürlich, in dem der grosse Auftritt das Wichtigste ist, schliesslich haben wir es mit gegenwärtiger Kunst zu tun. Zur Inszenierung gehört auch, dass dieser Extrovertiertheit ein meditativer Gegenpol gegenübersteht: Mit der zeitgleichen Schau der Blütenstaub  und Bienenwachsaltäre von Wolfgang Laib hat die Fondation einen wirkungsvollen Kontrast geschaffen, der die zeitgenössische Oberflächenspannung der UBS Collection mit jahrhundertealter Weisheit konterkariert.

   
Selten war das visuelle Programm einer Ausstellung so offensichtlich. Ulf Küster, der Kurator der Schau, hat mit sicherem Auge und ohne Scheu vor Grandezza die Kraft der Bilder genutzt, um eine wirkungsvolle Bühnenarchitektur zu schaffen. Es beginnt mit dem poetischen Scherbenmond von Tony Cragg und endet mit dem gemalten Filmabspann von Ed Ruschas «The End». Dazwischen stehen Klassiker wie Warhol, Lichtenstein, Francis, Johns, Serra, Marden, Flavin, Twombly und viele weitere aus der New Yorker Szene der siebziger bis neunziger Jahre, in denen Marrons Sammlung entstand. Deutlich sind die Werkreihen, die das Auge des Sammlers besonders fesselten: Cy Twomblys wundervoller Farb- und Formrapport, die Schrifträtsel Ed Ruschas, die tänzerisch expressiven Figurenfolgen der wenig bekannten Susan Rothenberg.

  
Überhaupt das Moment von Rhythmus! Brice Mardens leuchtende Schlangenbänder «Chinese Dancing» und Frank Stellas «Wheelbarrow», ein monumentales Wandrelief, das uns gleich einer Farbwelle entgegenspringt, sind Gravitationspunkte der Ausstellung, in denen sich die Energie einer Kunst zu ballen scheint, die ein Höchstmass an dekorativer Intensität und rhythmischer Kraft anstrebt, eine formbewusste Kunst, wie sie für das Amerika der Nachkriegszeit kennzeichnend ist. Es wundert einen nicht, dass hier die abstrakten Werke dominieren. Figurative Solitäre wie Philipp Guston, Robert Moskowitz und Susan Rothenberg sind Ausnahmen.

  
Verhaltene Kontraste

  
Es bleibt den Werken der europäischen Künstler vorbehalten, in diesem expressiven Chor verhaltene Kontraste zu setzen. Franz Gertschs monumentale und dennoch fast unsichtbare Frauenporträts flankieren den grossen Mittelraum der Ausstellung wie Altäre einer prononcierten Innerlichkeit. Polke, Richter, Baselitz, Freud, Kiefer und Rauch - es sind die figurativen Maler der Alten Welt, die in den achtziger und neunziger Jahren die amerikanische  kann hier einen der interessantesten Momente der Schau erleben und im Dialog zwischen amerikanischer und europäischer Kunst noch manches Unbeschriebene entdecken.
   
Contemporary Voices. Die UBS Art Collection zu Gast in der Fondation Beyeler.

Fondation Beyeler, Riehen. Bis 26. Februar 2006. Katalog Fr. 58 .

 

von Maria Becker

  

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