Welt am Sonntag, 06.02.2005
Hommage an die Welt der Formen und Farben
Banker Donald Marron ist Vizepräsident des Museum of Modern Art in New York. MoMa. Sein Lebenstraum: Kunst in die Geschäfts-Welt bringen.
"An zeitgenössischer Kunst fasziniert mich, daß sie die Zukunft unserer Gesellschaft reflektiert", sagt Donald B. Marron. "Zeitgenössische Kunst, wenn sie gut ist, gibt uns eine Idee davon, was auf uns zukommen wird." Marron lächelt. "Bei guten Bildern blickt man irgendwann zurück und sagt: Aha, der Künstler hat es damals schon geahnt." Darum gehe es auch in der Wall Street. "Das ist eigentlich ein Business, wo wir die Zukunft verkaufen."
Marron, vormals Vorstand von PaineWebber und UBS Amerika, ist in der Kunst und in der Wall Street zu Hause. Am vergangenen Dienstag hat er im New Yorker Museum of Modern Art die Ausstellung "Contemporary Voices" eröffnet - 74 zeitgenössische Bilder aus der Kunstsammlung von UBS/Paine Webber, die der Manager selbst ausgesucht hat. Dazu gehören Werke von Berühmtheiten wie Andy Warhol, Gerhard Richter und Joseph Beuys, von Willem de Kooning, Andreas Gursky und Roy Lichtenstein.
Groß ist Marron und hager, auf seinen langen Beinen überragt er die Anwesenden um Haupteslänge. Als er zur feierlichen Eröffnungsrede ansetzt, wirkt er ein wenig nervös, als sei er das Scheinwerferlicht nicht recht gewohnt. "Jetzt, wo meine Bilder hier hängen, habe ich erstmals das Gefühl der Erfüllung", sagt er. "Es war eine faszinierende Reise."
Der 70jährige interessierte sich schon als junger Mann für Kunst. "Als ich Anfang Zwanzig war, bin ich ins MoMa gegangen, weil mich die Bilder dort fasziniert haben", erzählt er. "Aber erst, als ich älter und erfolgreicher wurde, konnte ich es mir leisten, Kunst auch zu sammeln." Rasches Urteilsvermögen gehört dabei ebenso zu den Eigenschaften Marrons wie schnelle Entscheidungen. "Fast alles, was hier zu sehen ist, wurde in dem Jahr gekauft, als es gemalt wurde", sagt MoMa-Kuratorin Ann Temkin. "Donald hat nicht auf die Bestätigung durch die öffentliche Meinung gewartet."
Nicht umsonst bezeichnete ihn das Wirtschaftsmagazin "Fortune" einmal als "Survivor", einen Überlebenskünstler. Als junger Mann brach Marron, dem ein Intelligenzquotient von 190 nachgesagt wird, das College ab, mit 24 Jahren gründete er seine eigene Investmentbank, die er sechs Jahre später an Mitchell Hutchins verkaufte. Hier rückte er prompt ins Management auf. Auch als er anschließend Mitchell Hutchins an PaineWebber veräußerte, wurde er übernommen. Nebenbei gründete er das Forschungsinstitut Data Resources, das ökonomische Vorhersagen machte und das er 1979 an den Verlag McGrawHill abgab. "Er war wie ein kleiner Fisch, der den Wal verschlingt", sagte Gary Goldstein, der Präsident der Whitney Group über ihn. "Irgendwie hat er es immer geschafft, nach oben zu gelangen."
1980 rückt Marron an die Spitze von PaineWebber auf. Damals begann er, die Kunstkollektion aufzubauen, um die ihn heute viele beneiden. "Angefangen habe ich damit, Bilder der Hudson River School zu sammeln", sagt er. Bald interessierte er sich auch für colorierte Schwarzweißfotografien. Zu seinen frühesten Künstlern gehört der Kalifornier Ed Ruscha, der ebenfalls im sechsten Stock des MoMa vertreten ist. Marron trat auch in den Vorstand des California Institute of the Arts ein. "Und das, obwohl ich ein lebenslanger New Yorker bin", sagt er.
Schon bald begann Marron, die abstrakten Gemälde in die Büros der leitenden Angestellten bei PaineWebber zu hängen. Immerhin verbringe man ein Drittel seines Lebens im Büro, warum also nicht dort für ein wenig Lebensqualität sorgen? "Wir fingen erst ganz vorsichtig an, mit nur 25 Bildern. Bei moderner Kunst weiß man nie, ob das auch gefällt."
Auf 850 moderne Gemälde brachte es PaineWebber unter seiner Leitung, eine Sammlung in zweistelligem Millionenwert. Irgendwann schickte Marron seine Bilder auf Tour durch die USA. "Wir haben angefangen mit Houston, das war dort ein richtig großes Ereignis, über das die Zeitungen geschrieben haben." Das habe sogar die Kommunikation innerhalb der Firma verbessert, sagt er. Ebenso wie außerhalb: Die Schau diente den PaineWebber-Börsenmaklern als Kulisse, um ihre gutbetuchten Klienten einzuladen.
Als PaineWebber mit der Schweizer Großbank UBS verschmolz, ging Marrons Aufstieg weiter. Er wurde Chairman. PaineWebber verwaltete damals 372 Milliarden Dollar, UBS doppelt soviel. "Die Schweizer wollten eine starke Präsenz in den USA haben, während wir uns für den europäischen Markt interessierten", sagt Marron. "Aber wir hatten eine sehr ähnliche Business-Kultur."
Nicht zuletzt war es die Kunst, dank derer Marron damals eine Brücke zum UBS-Vorstandsmitglied Marcel Ospel schlug: Selbst ein Kunstsammler, saß der im Vorstand des Guggenheim-Museums. "Als ich Marcel sagte, daß ich dem MoMa diese 64 Bilder versprochen habe, sagte er: Selbstverständlich stehen wir dazu."
Nach einigen Jahren als Chairman von UBS America beschloß Marron, eine eigene Investmentfirma zu gründen, Lightyear Capital. Nun hängen im elften Stock des Seagram Buildings an der New Yorker Park Avenue seine privaten Bilder: "Untitled XXV1" von de Kooning, dazu mehrere Großfotos, die Candida Höfer auf Anregung seiner Frau Catherine von Bibliotheken aufgenommen hat. Catherine, früher "Vogue"-Redakteurin, ist heute im Vorstand der New York Public Library.
Wie so oft in den USA ist es auch bei Marron nicht weit vom Kunstsammler zum Kunstsponsor. "Amerikanische Industrielle haben eine große und lange Tradition, Kunst zu unterstützen, das ist in unsere Gesellschaft eingebettet", sagt der Banker. In dieser Tradition wurde er 1975 als Trustee des Museum of Modern Art berufen. Einige Jahre später rückte er in den Vorstand auf, der die Geschicke des MoMa lenkt, heute ist er Vizepräsident.
Dabei ist das MoMa gewissermaßen das spirituelle Zentrum von New York. Gegründet von der Rockefeller-Familie, sammeln sich hier seit den dreißiger Jahren alle möglichen Leute mit Einfluß oder gewaltigen Portfolios, Leute wie Philip Johnson oder Ronald Lauder, Sid Bass, Jerry Speyer oder Richard Parsons.
Das Museum fing damals gerade an, den heute hochgelobten, von Yoshio Tanigushi konzipierten Neubau zu planen. Marron war einer von denen, die Spenden für den 860 Millionen Dollar teuren Bau auftrieben. "Wir haben es geschafft, 65 Millionen Dollar von der Stadt zu bekommen, das war einmalig", sagt er. "Und dann habe ich natürlich auch private Mäzene angesprochen, Bekannte, Kollegen und Freunde." Es sei eine sehr aufregende Zeit gewesen, die Neubaupläne für das MoMa seien von viel Enthusiasmus getragen worden, erinnert er. Auch von den New Yorkern, die nicht mal eben 10 000 Dollar geben können.
"Alle unsere Besucher warteten darauf, daß das MoMa endlich wieder aufmacht." Zwar habe man während der Bauarbeiten die Dependance in Queens eröffnet. "Aber viele Menschen waren daran gewohnt, mal eben zum Lunch vorbeizuschauen, und das ging nicht, solange das Museum in Queens war."
Entschieden verteidigt Marron den vielbeklagten Eintrittspreis von 20 Dollar. "Wir haben festgestellt, daß die Hälfte der Besucher gar nichts zahlt", sagt er. "Wir lassen Schulklassen umsonst herein, Mitglieder zahlen keinen Eintritt, der Freitag ist sowieso frei."
Der Banker war auch daran beteiligt, den Architekten Tanigushi auszusuchen, dessen Ansatz seiner Philosophie entspricht. "Bei seinem Gebäude spielt die Kunst die Hauptrolle, die Architektur nimmt sich bescheiden zurück", sagt Marron. Der neue Garten des MoMa bilde zusammen mit dem Atrium nun das Herz des Museums, wie es auch seiner Bedeutung entspreche. "Vor allem gibt es nun für alles Galerien. Für Design, Videokunst, Fotos, so daß wir nun viel Ungewöhnliches ausstellen können. Sie haben doch den Hubschrauber gesehen, oder?"
Obwohl er es nicht an die große Glocke hängt, unterstützt Marron nicht zuletzt die "Coalition for the Homeless", eine New Yorker Organisation, die sich um Obdachlose kümmert. "Ins Auge fallen immer die obdachlosen Männer, aber es sind vor allem Kinder und Mütter, die betroffen sind." 16 000 Kinder seien in New York obdachlos. "Wie können wir uns als mitfühlende Gesellschaft bezeichnen, wenn hier so viele Kinder ohne Dach über dem Kopf leben?"
Mit wieviel Geld Marron die Obdachlosen unterstützt, will er nicht sagen. Aber Jobs seien viel wichtiger. "Diese Frauen müssen lernen, wie man ein Mitglied der Gesellschaft wird, wie sie sich bewerben, was sie bei einem Vorstellungsgespräch anziehen, und es muß dafür gesorgt sein, daß die Kinder solange unterkommen." Einmal habe er eine Gruppe obdachloser Frauen zu PaineWebber eingeladen, die sich dort mit einer kleinen Rede vorgestellt hätten, "das war sehr bewegend". Danach hätten einige tatsächlich einen Job gefunden, eine sogar bei Morgan Stanley. "Rudy Giuliani", sagt er, "war nicht besonders hilfreich, was Obdachlose angeht." Bloomberg, der neue Bürgermeister New Yorks, sei besser.
Es ist nicht sein einziges Engagement. Er ist Mitglied im "Council on Foreign Relations" und in der "National Commission on Retirement Policy", ein Gremium, das den Präsidenten zur Rentenversicherung berät. Bushs Pläne, die Rente zum Teil auf eine aktienfinanzierte Altersversorgung umzustellen, sei ein Anfang.
Ganz einverstanden mit Bushs Politik ist er dennoch nicht. In einem Brief an den Präsidenten warnt er vor dem Haushaltsdefizit. Er ist also ein Demokrat? "Oh nein", sagt er. "Ich werde als Republikaner betrachtet." Allerdings mit eigenem Kopf.
von Eva Schweitzer
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