SonntagsZeitung, 20.11.2005
Geist und Geld
Die UBS hat eine Kunstsammlung übernommen - und eine neue Art der Image-Pflege entdeckt
Gute Gastgeber wissen: Banker und Künstler muss man am Tisch nebeneinander setzen - weil die Banker so gerne über die Kunst und die Künstler so gern übers Geld reden. Noch ist nicht klar, wer an der Eröffnung der Ausstellung «Contemporary Voices. UBS Art Collection» in der Fondation Beyeler am Samstag neben wem sitzen wird, eines ist aber sicher: Die grösste Schweizer Bank hat plötzlich sehr viel über Kunst zu sagen. Als die UBS im Jahr 2000 die amerikanische Vermögensverwaltungsfirma PaineWebber übernahm, war im 12-Milliarden-Dollar-Deal auch eine herausragende Sammlung zeitgenössischer Kunst inbegriffen, das Ergebnis dreissigjähriger Sammeltätigkeit des Paine-Webber-Chefs Donald B. Marron. Dieses Kapital will das Geldinstitut nun vermehren - auf seine ihm eigene, offensive Art. Der Startschuss war die Eröffnung der Ausstellung «Contemporary Voices» im Februar im Museum of Modem Art in New York. Der Zeitpunkt konnte prominenter nicht sein: Die UBS-Schau war die erste Ausstellung in der nach einer umfassenden Erweiterung frisch eröffneten heiligen Stätte der Modeme. Ist das MoMA denn so erschöpft von der Umbau-Phase, fragte darauf die «New York Times» irritiert, dass es keine interessantere Eröffnungsschau auf die Beine stellen kann? Schliesslich sind Firmensammlungen, so hochkaratig sie auch sein mögen, selten mutig. Lauter schöne, teure, konsensfahige Bilder im mittleren Format.
Die «Collection» Hürde schafften wenige Kunstwerke
Doch das Rätsel war schnell gelöst: Das MoMA zeigte praktisch sein Eigentum. Von den 64 ausgestellten Werken werden 40 dereinst dem New Yorker Museum gehören. Das hatte Donald B. Marron mündlich versprochen und Marcel Ospel hat sich bei der Übernahme von PaineWebber verpflichtet, das Versprechen zu halten. Mit der Schau bedankte sich das MoMA beim Freund und Förderer Marron. Dass das in New York kaum jemand bemerkt hat, lag an der auf der obersten Etage der UBS beschlossenen «single brand strategy». Im Untertitel der Schau «Works from The UBS Art Collection» kam weder Marrons noch PaineWebbers Name vor.
Die «UBS Art Collection», erklärt ihre Direktorin Petra Arends bei einem Gespräch in Zürich, «setzt sich auch nicht nur aus den PaineWebber Werken zusammen, sondern ist das Ergebnis einer Zusammenführung verschiedener bankeigener Kunstsammlungen auf der ganzen Welt». Natürlich sammelte die UBS (beziehungsweise die beiden zu ihr fusionierten Banken SBG und Bankverein) schon seit Jahrzehnten Kunst - schliesslich wollten die Büros dekoriert und Sitzungszimmer standesgemäss ausgestattet werden. Als die beiden Banken im Dezember 1997 zusammenkamen, begann man mit der Sichtung der Bestände (30 000 bis 40 000 Kunstwerke). Die meisten der chaotisch angekauften Erzeugnisse der lokalen Kunstmärkte bekamen den Stempel «Dekoration», immerhin 2000 schafften die Hürde der Bezeichnung «Collection».
Nach dem Zugang der PaineWebber Sammlung, die mit illustren Namen glänzte, nahm man eine nochmalige Sortierung vor. Nicht alle Werke konnten mit Jasper Johns, Roy Lichtenstein, Sigmar Polke, Cy Twombly, Ed Ruscha und Gerhard Richter mithalten - einige aber doch.
Im Katalog der Schau wirds augenfällig: Die schönsten Werke sind die von PaineWebber und werden an das MoMA gehen. Wenn im Jahre 2017 das Schenkungsprozedere abgeschlossen sein wird, bleibt der UBS eine interessante, aber keine herausragende Sammlung.
Dennoch denkt die Bank nicht daran, ihre zufällig erworbene Position des Grosssammlers wieder aufzugeben. «Das Halten der Sammlung und das weitere Investieren ist die beste Verstärkung unseres Engagements im gesamten Bereich», sagt Arends. Was sie damit meint, ist leicht zu erraten: Die UBS hat in Sachen Kunst Blut geleckt. Es ist nun mal etwas anderes, die Kunden ins berühmte MoMA zu führen, wo der Name UBS im Titel der Ausstellung prangt, als ihnen verschämt erklären zu müssen, dass die Neon-Röhre im Sitzungszimmer ein Werk von Dan Flavin ist.
In der Tate Modern darf die UBS eigene Säle einrichten
Mit hochkarätigen Kunstwerken in der Hand kann die Bank ihren Namen viel tiefer in den Strukturen eines Museums verankern, als wenn sie Ausstellungen konventionell sponsert. Diese Erfahrung macht die UBS nun auch in der Londoner Tate Modern. Dafür, dass die Bank die Neuhängung der gesamten Museumssammlung mitfinanziert, kommt ihr Tate grossartig entgegen: Die UBS darf vier Jahre lang auf 300 Quadratmetern des berühmten Hauses so etwas wie ein Privatmuseum einrichten.
Das ist mehr als jede noch so goldene Tafel, die man als gewöhnlicher Sponsor erhält. Kein Wunder, will die UBS ihre Sammlung nun hegen, pflegen und vor allem weiter ausbauen. Mit dem Kunsthistoriker Matthias Winzen ist ein ständiger Kurator verpflichtet worden, und ein hochkarätig besetztes internationales Advisory Board (Jean Christophe Ammann, Yoshiko Mon, Patricia Phelps de Cisneros und Donald B. Marron) verfügt über einen Ankaufsetat, dessen Höhe zwar geheim bleibt, der aber bestimmt die Möglichkeiten vieler öffentlicher Museen übersteigt.
Ob es sinnvoll ist, dass nun auch Banken eine museumsähnliche Infrastruktur aufbauen, ist für die UBS keine relevante Frage. Schliesslich durften ihre Kader bisher noch nie mit so viel Fug und Recht über die Kunst smalltalken.
von Ewa Hess
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