Basler Zeitung, 05.02.2005
Die Kunst des Schenkens
Das New Yorker Museum of Modern Art stellt Bilder aus der UBS Art Collection aus
«Contemporary Voices» heisst eine Ausstellung mit Werken aus der UBS Art Collection, die ab heute im Museum of Modern Art in New York zu sehen ist: Eine grossartige Plattform für die Bank, die auf diese Weise ihre Kunstsammlung aufwerten kann.
Die UBS macht in Kultur. Sponsoring ist dafür eine unpräzise Bezeichnung. Letztes Jahr stellte sie kurzerhand eine Ausstellung mit altägyptischen Kostbarkeiten zusammen, um sie exklusiv im Basler Antikenmuseum zu präsentieren. Seit einigen Jahren unterhält sie sich ein eigenes Orchester, indem junge hochtalentierte Musiker aus aller Welt spielen - das Verbier Youth Orchester unter der Leitung von Zubin Metha. Und jetzt sind die Schweizer Bankiers dank einer Ausstellung im wichtigsten Tempel der modernen Kunst, dem Museum of Modem Art in New York, in aller Munde. Im Bestreben, immer wieder einzigartige Kunstevents zu lancieren, ist der UBS ein Coup gelungen.
COMMITMENT. Seit zweieinhalb Monaten ist das vom japanischen Baumeister Yoshio Taniguchi erweiterte und umgebaute Museum nun der Öffentlichkeit zugänglich. Jetzt werden zum ersten Mal die Räumlichkeiten für temporäre Ausstellungen bespielt, die sich im sechsten Stockwerk befinden: «Contemporary Voices: Works from The UBS Art Collection»), vereint 70 Bilder aus der rund 900 Werke umfassenden Sammlung der UBS. 44 dieser Bilder sind Schenkungen der Bank an das MoMA, die aus steuerlichen Gründen erst im Jahre 2017 wirksam werden, wie Petra Arends, Executive Direktor der UBS Art Collection der baz gegenüber sagt.
Wichtig ist jedenfalls - und wir befinden uns da ganz am Puls amerikanischen Kunstverständnisses das «Commitment» der Bank, was soviel wie «Selbstverpflichtung» oder «freiwillige Bindung» heisst, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben vom Reichtum, den man aus dieser geschöpft hat, mehr noch, mit dieser Gemeinschaft zu teilen, woran man selbst soviel Freude hat.
Und was ist grossartiger als ein paar Bilder, die man mit noch soviel Geld nicht kaufen kann, weil sie einfach nicht mehr auf dem Markt sind? Das MoMA bekommt ein paar Filetstücke aus einer Sammlung, die der frühere CEO der PaineWebber Bank, Donald B. Marron, in den letzten vier Jahrzehnten zusammengekauft hat. Mit der Übernahme von PaineWebber durch die UBS im Jahre 2000 ist dieser Reichtum an die Schweizer gefallen, die sich nicht nur entschlossen haben, der schon Anfang der 90er Jahre eingefädelten Schenkung zuzustimmen, sondern daraus auch einen Megaevent des Bankbranding werden zu lassen.
AUSWAHL. Hereinspaziert also in diese Ausstellung. Sie ist ein Fenster in die UBS Art Collection. Eine Sammlung im eigentlichen Sinne des Wortes wird aber nicht vorgestellt, vielmehr sind es jene Bilder aus der Sammlung, die das MoMA zur Ergänzung seiner Bestände ausgewählt hat. Auch wenn die Kuratorin Ann Temkin sich bemüht hat, die 44 geschenkten Bilder um ein paar spannende Werke aus dem letzten Jahrzehnt zu erweitern, ist daraus keine neuartige Übersicht über die letzten fünf Kunstjahrzehnte geworden.
Donald B. Marron, der die PaineWebber-Bilder in den 70ern und 80ern zusammengetragen hat, ist seit Jahrzehnten ein äusserst aktives Mitglied im Trägerverein des MoMA. Es erstaunt darum kaum, dass durch die Neuzugänge die Sicht auf die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie sie das MoMA durch seine Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit geprägt hat, nicht wesentlich verändert wird. Die Banker in Manhatten haben in erster Linie amerikanische und europäische Kunst gesammelt, der grösste Teil sind Sachen, die in den Galerien in Soho angeboten wurden und an die Wand gehängt werden können. Mittlere Formate, bunt, bürotauglich. Sperrige und allzu provokative Kunst sucht man hier vergeblich. Die Banker in der Schweiz brachten vor allem Fotografien ein.
Eröffnet wird die Schau mit einem Spätwerk von Philip Guston «In the Studio»: Der Maler als ungepflegter Kettenraucher beim Malen eines Plattfusses. Für das cartoonhafte Selbstporträt hat Guston vor allem rote Farbe verwendet, was die Arbeit in Beziehung setzt zum in unmittelbarer Nähe hängenden «Southern California» (1976) von Elizabeth Murray, einem wunderbaren Bild, das ausgefüllt wird von einem vollgepumpten, tiefroten Ballon, der zu platzen droht.
RAUB DER FLAMMEN. Die Ausstellung versucht immer wieder solche Beziehungen herzustellen, kleine narrative Sequenzen. So erzählen Gerhard Richters «Helen», Richard Artschwagers «Seated Group» und Andy Warhols «Cagney» von der Auseinandersetzung dieser Künstler anfangs der 60er Jahre mit der Fotografie. Dann präsentieren drei Bilder das Schaffen von Edward Ruscha, des kalifornischen Popartisten, dem in dieser Sammlung eine grosse Bedeutung zukommt. Besonders eindrücklich ist sein Kleinformat mit dem Titel «Museum on Fire» (1968), eine Grafitzeichnung, die das Los Angeles County Museum als Raub der Flammen darstellt.
Grossartig auch das Gemälde von Willem de Kooning («Untitled III», 1982), eine leichte Symphonie von roten und blauen, beinahe durchsichtigen Wellenlinien. Das Bild ist typisch für die Neigung des Sammlers zu mittelgrossen bunten Formaten, die sich in einer Büroumgebung gut machen. Auch Howard Hodgkin, der Brite, mag diese Ansprüche mit seiner dichten, vor allem vom Grün-Rot-Kontrast lebenden Kunst erfüllen. Sein etwa quadratmetergrosses «In Bed in Venice» (1984-88) bringt eine ganze Museumswand zum Leuchten.
Vorbei an Susan Rothenbergs sechsteiliger grossformatiger Ballettstudie «1,2,3,4,5,6» und Francesco Clementes «Perseverance» gelangt man zur Minimal Art, wo Richard Serra mit «No Mandatory Patriotism» (1989) einen Kommentar abgibt zum überall in New York und nicht zuletzt von den Banken zur Schau gestellten 9/11-Patriotismus. Das Bild besteht aus zwei riesigen, mit einer dicken Teerfarbe gemalten Quadraten, die leicht einander Zugeneigt sind, so dass sich der weisse Zwischenraum nach oben verjüngt.
Dann ist ein Raum den Fotografien von Cindy Sherman, Laurie Simmons und Lorna Simpson gewidmet, die sich mit Frauenbildern auseinandersetzen. Weiter gehts zu Christopher le Brun und Gerhard Richter, deren grosse, rotfarbenen, ja feurigen Arbeiten an den Schmalseiten eines Saales hängen und ihn sozusagen unter Strom setzen, kritisch beäugt von Lucian Freuds in sich gekehrtem «Double Portrait». Den Abschluss macht eine Galerie, in der Damien Hirst mit zwei seiner Tupfen-Gemälde auf das deutsche Foto-Geschehen schaut, das sich zwischen Andreas Gurskys Ladenbild «99 Cent» (1999) und Thomas Struths Inszenierung einer Museumssituation «National Galery London 1» (1989) entfaltet.
GEBEN UND NEHMEN. Mit dieser Ausstellung bekommt das MoMA eine umfangreiche Schenkung moderner Kunst. Auf der anderen Seite verleiht dieser Auftritt im MoMA der UBS Art Collection gewissermassen das Gütesiegel, was sich nicht nur auf den Wert der gesammelten Werke positiv auswirken sollte, sondern auch den Namen der Bank im Kunstkontext adelt und positiv konnotiert. Ob sich das ganze aus kunsthistorischer Perspektive gelohnt hat und ob die Zusammenstellung aus Einzelwerken, wenn sie in dieser Form auf Tournee geht, ein Renner wird, darf bezweifelt werden. Immerhin, das neue MoMA ist eine Reise wert.
Die UBS Art Collection
FIRMENSAMMLUNG. Die UBS Art Collection umfasst 900 Werke. Sie vereinigt die Sammlungen der UBS in Europa und die PaineWebber Art Collection, die mit der Akquisition der PaineWebber Bank im Jahre 2000 an die UBS fiel. Die meisten Werke stammen aus Europa und den USA und entstanden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Sammlung soll erweitert werden. Die Einkaufspolitik untersteht künftig einem Gremium von namhaften Kuratoren und Kunstspezialisten.
Das Museum of Modern Art zeigt die Ausstellung «Contemporary Voices» vom 4. Februar bis zum 25. April. Danach soll diese Austellung auf Welttournee gehen, wobei die Termine und Orte noch nicht bekannt sind. Immer noch unklar ist, ob die «Contemporary Voices» in der Fondation Beyeler Halt machen werden.
von Christoph Heim
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