Neue Luzerner Zeitung, 03.12.2005
«Das Vergängliche ist das Ewige»
Der Gegensatz könnte kaum grösser sein: Die Kunstsammlung der Grossbank UBS vereinigt in dichter und lauter Folge grosse Namen. Wolfgang Laib verpflichtet sich der Stille.
Wolfgang Laib kniet auf dem Boden und streut mit dem Sieb sachte gelbe Pollen auf den Boden. Am Ende leuchtet das Gelb des Blütenstaubs in einer annähernd quadratischen Fläche so satt und kräftig, dass der ganze Raum flimmert. Es sind Pollen von Löwenzahn oder Haselnuss, die der 1950 geborene, in Oberschwaben lebende Künstler mit Bienenfleiss sammelte. Im Raum nebenan liegt ein weisser, flach geschliffener rechteckiger Stein. Der Künstler goss so viel Milch auf den Marmor, dass sie die ganz Fläche bis an ihren Rand bedeckt. Die Milch gibt dem Stein einen spiegelnden und zugleich lebendigen Glanz und eine Aura, die in den ganzen Raum ausstrahlt.
Konzentration und Askese
Kunst als Ritual? Angesichts der Fotos des Künstlers, der in priesterlicher Geste Milch ausgiesst oder Pollen siebt, liegt dieser Gedanke nahe. Tatsächlich scheint Wolfgang Laibs Kunst von spiritueller, wenn nicht gar religiöser Dimension: Seine zu kleinen Bergen aufgehäuften Pollen, seine schwer duftenden Wachshäuser, sein in Messingschalen wie zum rituellen Mahl bereitgestellter Reis, seine Treppenskulptur aus burmesischem Lack. Diese Kunst bezieht Wirkung aus ihrer Konzentration, ihrer Askese, ihrer zerbrechlichen Vergänglichkeit und aus der Behutsamkeit ihrer Anordnung im Raum. Und sicher auch daraus, dass Wolfgang Laib Grundelemente der Natur in die Kunst hineinholt.
Doch der Künstler, dem die Luzerner bereits 1990 in einer grossen Museumsausstellung begegnen konnten, ist kein Guru und kein asiatischer Mystiker, auch wenn ihn viele Leute - auch bei der Medienkonferenz in der Fondation Beyeler in Riehen - in diese Schublade stecken. «Ich bin kein Zen Mönch oder Buddhist. Meine Kunst geschieht hier und heute», sagte er. Seine Kunst ist kein esoterischer ritueller Dienst. Dass alles Leise, Vergängliche Sich Verflüchtigende heute als fernöstlich gelte, sei ein arges Missverständnis.
Zweckfreie Schönheit
«Kunst ist eine unglaubliche Freiheit. Ich werde mir sie nicht nehmen lassen»: Wolfgang Laib sieht sich so als Künstler wie andere auch - allerdings als Künstler jenseits des lauten Marktes und seiner Zwänge. Viele seiner Arbeiten sind nichts als reise und scheinbar zweckfreie Schönheit, zu der es wenig zu sagen gibt, weil sie für sich selbst spricht. Eine der schönsten Eigenschaften dieser Kunst: Sie wendet sich - auch die riesigen, aus Wachs gefertigten Teppen - gegen alles Denkmalhafte. Wolfgang Laibs Verhältnis zu Zeit und Dauer ist anders als das der meisten seiner Künstlerkollegen. Kein Zufall, dass er seiner Ausstellung den nur scheinbar paradoxen Titel «Das Vergängliche ist das Ewige» gab.
Die Kunst der Grossbank
Gleichzeitig zeigt die Fondation Beyeler in einer zweiten Ausstellung rund 70 Werke der UBS Art Collection. Den Grundstock der 900 Werke umfassenden Sammlung bilden die Bilder, welche die von der UBS übernommene amerikanische Bank PaineWebber zusammentrug. Dazu kommt jene Kunst, welche die UBS und ihre Schweizer Vorgängerbanken sammelten. Anfang Jahr waren die Werke im Museum of Modern Art in New York zu sehen. Nun sind sie - erstmals in Europa - in der Fondation Beyeler, später für etwa fünf Jahre in der Tate Modern London ausgestellt. Dann geht ein Teil als Schenkung zurück ins Museum of Modern Art in New York.
Es ist eine Sammlung der klingenden Namen der «Kunstprominenz» der vergangenen rund 30 Jahre aus den USA und Europa. (Asien soll bald dazukommen.) Manch hervorragenden Werken ist da in Basel zu begegnen. Sehr viele sind gross und dominierend und in der Geschäftswelt «einsetzbar». So gibt es weder Skulptur noch Video noch Installation und nichts von harter politischer oder anderweitiger Brisanz. Der rote Faden ist allenfalls jener der Repräsentation ob auf Grund von Dimension und Präsenz oder auf Grund der Künstlernamen.
Das Schlagwort »Bankenkunst» wird der Sache angesichts der versammelten Qualität nur zum Teil gerecht. Allerdings sind da keine Risikobereitschaft und kaum ein kulturpolitisches Engagement spürbar - schon eher der Wille der global tätigen Grossbank, die grosse Kunst in den Dienst des eigenen Images zu stellen. Die Präsenz an den ersten Adressen der Kunstwelt in New York und London wird dabei gute Dienste leisten.
von Niklaus Oberholzer
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