Sie wollten beobachten, wie die Profis unter den Tischtennisspielern mit dem Schläger dem Ball einen Vorwärtsdrall verleihen,
sodass dieser sich am Ende seiner Flugbahn plötzlich nach unten bewegt, an der Kante des Tisches aufschlägt, durch seine hohe
Rotation beschleunigt und so für den Gegner schwer spielbar wird. Begeistert von dieser Idee verknüpften die beiden angehenden
Physiker eine Tischtennis-Trainingsmaschine mit einem Computer, sodass sie die Flugkurven der Bälle besser nachvollziehen
und auch simulieren konnten. Dabei fanden sie heraus, dass ein Pingpongball mit genügend Topspin theoretisch sogar einen Looping
vollziehen kann. Darüber hinaus entwickelten sie auf der Grundlage ihrer Erkenntnisse und mithilfe von Profifussballern, die
für sie Bananenflanken schossen, eine Formel für den goldenen Freistoss. Für ihre Untersuchungen erhielten die beiden Jungforscher
2006 einen Preis des "Contest for Young Scientists" der EU.
Der "Spin" ist ein wichtiges Konzept sowohl in der Aerodynamik als auch in der Teilchenphysik. Als Pratibha Vikas, die sich
derzeit bei UBS mit Risikomanagement beschäftigt, als junge Frau von 22 Jahren erstmals in die Schweiz kam, war sie von der
gleichen Neugierde erfüllt wie die beiden jungen Preisgewinner. Als ausgebildete Physikerin und Informatikerin interessierte
sie sich für die Erforschung subatomarer Teilchen, aus denen sich die Atome zusammensetzen und die die elementaren Bausteine
der Natur bilden.
Diese Interessen führten die gebürtige Inderin zunächst an das CERN, das weltweit grösste Zentrum für Teilchenphysik. Das
CERN wurde 1954 in der Nähe von Genf gegründet. Die Wissenschaftler und Forscher, die hier arbeiten, versuchen, mit immer
grösseren und stärkeren Teilchenbeschleunigern und Speicherringen das Wesen der Materie zu ergründen. Für Vikas ein ideales
Umfeld für ihre Promotion in Physik.
"Als ich meine Arbeit im CERN aufnahm, wurden gerade die Abschlussarbeiten am Large Electron-Positron Collider, auch LEP genannt,
vorgenommen. Der LEP ist ein gigantischer Teilchenbeschleuniger: Seine Vakuumkammer, die unter der Erdoberfläche an der schweizerisch-französischen
Grenze verläuft, hat einen Umfang von 27 Kilometern."
"Meine Aufgaben am CERN waren sehr abwechslungsreich, sodass ich viel lernen konnte: Ich koordinierte Teams von Wissenschaftlern,
schrieb Programme zur Datenanalyse, entwickelte Detektoren und verlegte im LEP-Tunnel Kabel. Dennoch kam ich eines Tages für
mich zum Schluss, dass ich meine Fähigkeiten anderswo einsetzen wollte. Also hielt ich Ausschau nach einem neuen Betätigungsfeld
ausserhalb der Physik."
Pratibha Vikas fand, was sie suchte, in der Finanzwelt. Ein Freund, ebenfalls Physiker, erzählte ihr von UBS - und nur kurze
Zeit später wurde ihr eine Anstellung angeboten.
"Im Bankgeschäft gibt es viele Bereiche, in denen analytische Erfahrung gefragt ist. Gleichzeitig aber ist auch der Mensch
ein wichtiger Aspekt in diesem Geschäft. Diese Kombination entsprach genau meinen Wünschen", berichtet Vikas.
Sie betont, dass sie ganz bewusst technische Arbeiten bei UBS vermeiden wollte und sich daher für teamorientierte Aufgaben
im Projektmanagement entschied. Ihre früheren beruflichen Erfahrungen kamen ihr dennoch sehr zugute, da es ihr dadurch leichter
fiel, die technischen Aspekte ihrer Finanz- und IT-Projekte besser zu verstehen.
"Aufgrund meiner wissenschaftlichen Ausbildung war ich gewohnt, mich mit komplexen Sachverhalten auseinander zu setzen. Erstaunt
war ich aber dann über die hohe Bereitschaft der Bank, mir dabei zu helfen, rascher mit meinen neuen Aufgaben vertraut zu
werden. Ich war beispielsweise entschlossen, auf eigene Kosten einige Bankkurse zu absolvieren, woraufhin sich UBS bereit
erklärte, die Kosten für das Executive Program an der Swiss Banking School zu übernehmen. Dieses Programm hat sehr zur Vertiefung
meiner Bankkenntnisse beigetragen. Ich lernte das gesamte Bankgeschäft kennen - das, was die Arbeit der Leute wirklich ausmacht."
Ergänzt wurde diese Ausbildung durch Mentoring innerhalb des Unternehmens, sprich Wissensvermittlung über Kollegen, durch
eigene Studien sowie durch unmittelbare praktische Erfahrung.
"Mein erster Job war im Bereich Risikomanagement als Business Analyst und Projektmanagerin für das Credit Risk Control Data
Warehouse des Konzerns", berichtet sie. "Dazu musste ich viel über Kredit- und Länderrisiken und über deren Bewirtschaftung
lernen. Ich musste lernen, wie die Risiken für unterschiedliche Produkte quantifiziert werden, was unter Kreditabsicherung
zu verstehen ist und wie das Risiko-Controlling und -Reporting funktioniert. Für die Konsolidierung und Berechnung der Kredit-
und Länderrisiken innerhalb der gesamten UBS benötigte ich darüber hinaus vertiefte Kenntnisse der Systeme zur Kreditrisikokontrolle,
die im ganzen Unternehmen eingesetzt werden."
Diese Aufgaben erinnerten Vikas stark an ihre Arbeit als Physikerin. "Auch hier ging es im Wesentlichen darum, riesige Datenmengen
zu sammeln, zu organisieren und zu evaluieren. Mathematische Modellierungen - ein Gebiet, mit dem ich bestens vertraut bin
- sind ein wichtiger Teil der Risikokontrolle."
Inzwischen steuert Vikas auch eines der UBS-Projekte, die auf die Umsetzung der revidierten Richtlinien zur Eigenkapitalunterlegung
gemäss Basel II abzielen.
Kann die Arbeit in einer Bank für jemanden mit CERN-Erfahrung überhaupt eine befriedigende Herausforderung sein?
"Absolut. Finanzielle und wirtschaftliche Fragestellungen faszinieren mich, da sie viel analytisches Denken verlangen. Darüber
hinaus habe ich hier aber auch mit vielen Menschen zu tun, die alle einen ganz unterschiedlichen beruflichen und persönlichen
Hintergrund haben, was ebenfalls hohe Anforderungen an einen stellt. So gesehen würde ich sogar behaupten, dass meine jetzige
Arbeit im Vergleich zu meiner Tätigkeit als Physikerin anspruchsvoller ist."