Dank Internet - und Globalisierung - sind die Menschen rund um den Globus über Datennetze und Kabel miteinander verbunden.
Aber spektakulär ist dies eigentlich kaum mehr, wenn nicht gerade neue Onlinemedien wie Blogs oder YouTube vorübergehend für
Schlagzeilen sorgen. Und doch: Ein Blick über das Silicon Valley hinaus lässt erahnen, dass diese neue elektronische Welt
tief greifende Auswirkungen hat, die wir noch nicht vollumfänglich abschätzen können. Wird es beispielsweise in einigen Jahrzehnten
noch lokale, regionale oder nationale Besonderheiten geben? Oder werden alle Gesellschaften zu einer homogenen globalen
Kultur verschmelzen?
Ob gut oder schlecht - im Geschäftsleben sind solche Veränderungen bereits im Gang. Fast jedes Wirtschaftsmagazin weist
mittlerweile darauf hin, dass Firmen und Einzelpersonen rund um die Welt mit andern zusammenarbeiten - oder konkurrieren -
können. Globale Marken sowie geschäftliche Wertvorstellungen und Ideen durchdringen immer mehr Lebensbereiche. Wirtschaftswissenschaftler
und Manager - sie alle rühmen die Vorteile dieser "schrumpfenden", globalisierten Welt, während Kritiker etwa in Medien, Politik
oder Nichtregierungsorganisationen vor einer standardisierten, farblosen Welt warnen.
Doch Tatsache ist: Ideen und Produkte aus einem Land in ein anderes einzuführen, ist nichts Neues. Vor allem aber scheint
dies auch nicht zu einer Verwässerung der lokalen Kultur und Identität zu führen, wie Fran Tonkiss, Soziologieprofessorin
an der London School of Economics, beobachtet hat. Eines der grössten Missverständnisse im Zusammenhang mit der Globalisierung
ist ihrer Meinung nach die Vorstellung, dass es sich dabei nur um einen einzigen langen Prozess der Amerikanisierung handle.
"Realistisch betrachtet ist die US-Kultur äusserst vielfältig. Obwohl sie durchaus dominante Aspekte aufweist, haben die lange
Einwanderungsgeschichte und der Austausch mit anderen Kulturen sie bereichert - es wäre simplistisch, von einer sich weltweit
ausbreitenden US-Einheitskultur zu sprechen", meint sie.
Die Globalisierung kann Menschen dazu bringen, offen für Neues zu sein. Sie hat offensichtlich nicht zur Folge, dass alles
Alte in Vergessenheit gerät. Nehmen wir das Beispiel des Schwingens, der schweizerischen Form des Ringens. Zum ersten Mal
erwähnt wird diese Sportart im 13. Jahrhundert. Bis Ende des 19. Jahrhunderts entstand daraus ein Volkssport mit standardisierten
Regeln. Heute - mehr als hundert Jahre später - erlebt das Schwingen trotz der Globalisierung der Schweizer Wirtschaft eine
neue Blüte. Am deutlichsten zeigt sich dies darin, dass der neu gekrönte Schwingerkönig am Fernsehen auftritt und ihm die
Titelgeschichte des grössten wöchentlich erscheinenden People-Magazins des Landes gewidmet ist - ganz zu schweigen vom Stier,
den er als Preis erhält.
Kann eine globale Technologie Traditionen verändern, so kann sie diese auch festigen. Das Internet fördert und stützt aufgrund
seiner Dezentralisierung unterschiedliche Sichtweisen, die stark von der Mehrheitsmeinung abweichen. Zudem entstehen durch
das Internet neue Gemeinschaften, die nicht einfach auf geografischer Nähe, sondern auf ähnlichen Werten beruhen. Ein Beispiel
sind Expats und Ausländer der zweiten Generation, die im Web ihren Bezug zur Heimat stärken und damit ihre kulturellen Wurzeln
pflegen.
Trotz der von Globalisierungsgegnern geäusserten Angst vor einer normierten, gleichförmigen Welt sind wir nach wie vor weit
davon entfernt, zu einem langweiligen Planeten zu werden. Zwar bietet uns das Internet die Möglichkeit, uns nach anderen Kriterien
als der Nationalität oder der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu definieren. Lokale Eigenheiten wie Bräuche, Dialekte,
spezielle Interessen oder Produkte können jedoch nach wie vor ein tief empfundenes Gefühl des Stolzes und der Identität auslösen.
Und solange dies so bleibt, wird gemäss Tonkiss auch kein globaler Trend diesen Traditionen etwas anhaben können.
Lokale Sitten und Bräuche können allerdings die Globalisierung auf geschäftlicher Ebene behindern. Firmen müssen ihre Produkte
zunehmend global positionieren, wenn sie die Chancen an den internationalen Märkten nicht einfach ignorieren wollen. Ihre
Bemühungen sind jedoch fast zwangsläufig zum Scheitern verurteilt, wenn sie die Kultur der Märkte, in denen sie tätig sind,
nicht verstehen. Denn es sind die lokalen und regionalen gesellschaftlichen Gegebenheiten, die das Verhalten der Kunden und
Mitarbeiter bestimmen.
Sicher ist: Die Globalisierung sorgt für vermehrte Auswahlmöglichkeiten und eröffnet neue Perspektiven. Ingwer und Kiwifrüchte
beispielsweise waren vor dreissig Jahren noch in keinem europäischen Supermarkt zu finden. Heute fallen sie im Regal gar nicht
mehr auf. Vielleicht liegt darin der Reiz des Ganzen: Lokales wird global und - in anderer, neuer Form - wieder lokal.