Wie die meisten Brasilianer, die das Pech haben, aus einer Favela zu stammen, hatte sich auch Melo nichts sehnlicher gewünscht,
als ihr zu entfliehen - und er wollte anderen helfen.
In Melos jungen Jahren, als in Brasilien eine Militärdiktatur herrschte, gehörte die katholische Kirche zu den wenigen Organisationen,
die sich um Arme kümmerten. Dies bewog ihn, der Kirche in Fortaleza, einer Stadt an der Nordostküste Brasiliens, beizutreten.
Und bereits während seiner Zeit im Priesterseminar begann er, den Armen beizustehen, indem er in Fortaleza das entbehrungsreiche
Leben jener teilte, die Abfallberge nach Verwertbarem durchwühlen, um zu überleben.
"Sechs Monate lang lebte ich mit den Müllsuchern auf der Abfallhalde. Ich glaube, dies ist die einschneidendste, demütigendste
Erfahrung, die ein Mensch machen kann. Auf der Abfallhalde unterscheiden sich die Menschen nicht mehr von den Tieren - zumeist
Aasgeiern - und dem Müll selbst", meint Melo.
"Tiefer sinken kann man nicht. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder man gibt das Leben ganz auf, oder man kämpft mit aller
Kraft. Ich entschied mich für das Zweite - und dafür, gemeinsam mit den andern einen Ausweg aus diesem Elend zu finden", erklärt
Melo.
Knapp ein halbes Jahr später zog er nach Conjunto Palmeira. Dies ist ein Slum am Rand von Fortaleza, in dem viele der 30 000
Bewohner ohne funktionierende Wasserversorgung und ohne Strom, Abwassersystem und Kanalisation lebten. Dort engagierte er
sich immer stärker in Sozialprojekten. Er half mit, die Lebensbedingungen der gesamten Gemeinschaft zu verbessern, indem er
den Aufbau einer Müllabfuhr, eines Wasserleitungssystems und von Strassen organisierte. Im Laufe der Zeit verlor seine soziale
Arbeit zunehmend den Bezug zur Kirche. Dafür wurde er sich immer mehr bewusst, welch grossen Einfluss volkswirtschaftliche
und finanzielle Aspekte auf das Phänomen Armut haben. Dies führte 1997 schliesslich zur Gründung der Banco Palmas.
Die Banco Palmas basiert auf einem gemeinschaftsorientierten System, das lokalen Produzenten und Verbrauchern Mikrofinanzierungen
in Form von Kreditkarten gewährt und eine eigene Währung, den Palmas, beinhaltet. Diese ist an das offizielle brasilianische
Zahlungsmittel, den Real, gekoppelt und wird von den lokalen Produzenten, Läden und Verbrauchern anerkannt. Dadurch wird der
Verkauf von Gütern innerhalb der Gemeinschaft erleichtert, das Wirtschaftswachstum gefördert und ein Gefühl der Solidarität
unter den Bewohnern geschaffen.
Mit der Banco Palmas wollte Melo einen nachhaltigen und dynamischen lokalen Wirtschaftskreislauf in Conjunto Palmeira in
Gang bringen. Es ist ihm gelungen: Heute zählt die Gemeinschaft 40% mehr Betriebe als 1997. Die Bank hat 300 direkte und weitere
600 indirekte Stellen in Unternehmen geschaffen, an die sie Mikrokredite vergeben hat.
Melos Initiative und Brasilien sind keine Einzelbeispiele. Verschiedene Faktoren, unter anderem die Globalisierung, haben
einen massgeblichen Einfluss auf die armen Länder und ihre Fähigkeit, die Armut zu bekämpfen. Laut Weltbank beläuft sich das
Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern seit 2000 auf durchschnittlich 4,8% pro Jahr und liegt damit mehr als doppelt
so hoch wie in den Industrienationen, die durchschnittlich 2% zulegten.
Doch trotz des jüngsten Wachstumsschubs wird man sich in vielen Ländern zunehmend der grossen Unterschiede zwischen Arm und
Reich bewusst. Gemäss dem World Institute for Development Economics Research kontrolliert 1% der Weltbevölkerung 40% des gesamten
weltweiten Nettovermögens, während knapp die Hälfte aller Menschen (2,8 Milliarden) lediglich 1,1% besitzt. Soziale Probleme
werden daher im 21. Jahrhundert nur über neuartige Wege wie jenen von Melo zu lösen sein.
Eine nicht gewinnorientierte Organisation, welche nach besonders innovativen Ansätzen sucht und in diese investiert, ist Ashoka
- ein globales Netzwerk aus führenden Sozialunternehmern aus der ganzen Welt. Dabei handelt es sich um Frauen und Männer,
die wie Melo gegen die drängendsten sozialen Probleme auf dieser Welt ankämpfen. Seit 1981 hat Ashoka mehr als 1800 solcher
Menschen zu Ashoka Fellows ernannt. Diese erhalten finanzielle und professionelle Unterstützung sowie Zugang zu einem globalen
Netzwerk von Gleichgesinnten in über 60 Ländern.
"Durch Ashoka kam ich in Kontakt mit Menschen, die sich ebenfalls für eine bessere Welt und die höhere Wertschätzung des menschlichen
Lebens einsetzen. Von Ashoka erhielt ich finanzielle Unterstützung für drei Jahre. So konnte ich mich vollzeitlich meiner
sozialen Arbeit widmen", erklärt Melo.
2004 wurde Melo von der Ashoka Fellowship nominiert. 2005 gewann er den ersten "Visionaris Award". Mit diesem Preis werden
in Argentinien, Brasilien und Mexiko Gründer von Organisationen ausgezeichnet, die wesentliche soziale Herausforderungen auf
innovative Art und Weise angehen.
Diese und andere Auszeichnungen sowie die jüngste Welle philanthropischer Engagements erfolgreicher Führungskräfte und Unternehmer
auf der ganzen Welt stellen konkrete Fortschritte dar - und wecken Hoffnung.
Melo dazu: "Ich habe das Preisgeld dazu verwendet, das Netz von Anlaufstellen der Banco Palmas weiter auszubauen."