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Länger leben
Länger leben

"Langfristig sind wir alle tot." ­Diese lakonische Aussage des britischen Ökonomen John Maynard Keynes ist heute noch genauso wahr wie zu seinen Lebzeiten.
"Langfristig sind wir alle tot." ­Diese lakonische Aussage des britischen Ökonomen John Maynard Keynes ist heute noch genauso wahr wie zu seinen Lebzeiten.

Er meinte damit, wie irrelevant langfristige Trends im Hinblick auf aktuelle wirtschaftliche Probleme sind. Heute aber wird seine Aussage allgemein als Ausdruck von Fatalismus verstanden. Die Geburt ist nicht mehr als eine aufgeschobene Todesstrafe. Doch die Zeit zwischen Geburt und Tod wird für die meisten von uns immer länger - zumindest statistisch gesehen.

Wir leben immer länger. In Grossbritannien bestehen Pläne, das offizielle Rentenalter sukzessive auf 68 Jahre zu erhöhen. Dies entspricht mehr als dem Doppelten der durchschnittlichen Lebenserwartung von 33 Jahren eines Briten im Mittelalter. Und je älter die Menschen werden, desto länger werden sie wahrscheinlich arbeiten, sei es freiwillig oder aus schierer Notwendigkeit. Dies beeinflusst massgeblich die Art, wie jeder Einzelne von uns Geld ausgibt, spart und investiert - und hat strukturelle Auswirkungen auf die Wirtschafts-, Unternehmens- und Finanzwelt.

Steigt unsere Lebenserwartung etwa noch weiter? Durchaus denkbar. Alters­trends zufolge hat die maximale Lebenserwartung in den letzten 160 Jahren um drei Monate zugenommen - pro Jahr. Hatten die Schweden 1840 mit durchschnittlich 45 Jahren noch die höchste Lebenserwartung, so liegen heute die Japanerinnen mit 85 Jahren an der Spitze. Das Problem: Verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen überschneiden sich mit demographischen Trends. Die Medizin macht kontinuierlich grosse Fortschritte, was einer der Hauptgründe für unsere lange Lebensdauer ist. Die Generation der Babyboomer geht langsam in Rente, während Familien immer weniger Kinder haben. Etliche Studien haben sich mit den Auswirkungen dieser Trends befasst. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Hält die Entwicklung an, wird in Japan bald ein Erwerbstätiger jeweils einen Rentner finanzieren müssen.

Eine einfache Lösung könnte in der verstärkten Einwanderung von Arbeitskräften aus dem Ausland liegen. ­An­gesichts der anhaltend hohen Zuwanderungsraten, die notwendig wären, ist dies jedoch ein unrealistisches Szenario. In reifen Volkswirtschaften könnten Produktivitätssteigerungen den Alterseffekt teilweise kompensieren. Doch sieht es ganz danach aus, als würde der Rückgang der Anzahl Erwerbstätiger - und der Produktion - das Wachstum dort zumindest vorübergehend bremsen.

Welche Folgen hat dies für die Unternehmen in den Industrieländern? Einige werden ganz einfach parallel zur Erwerbsbevölkerung schrumpfen. Viele andere dagegen werden sich der Zukunft stellen und geografisch diversi­fizieren. Damit verringern sie die Abhängigkeit ihrer Ertragsströme von ihren angestammten Absatzmärkten. Studien von UBS zufolge erwirtschaften europäische Unternehmen bereits 35% ihrer Erträge ausserhalb Europas, während in den USA 40% der Firmengewinne aus Direktinvestitionen in Schwellenländern stammen, in denen die Bevölkerung weiter wächst und das wirtschaftliche Potenzial praktisch unbegrenzt ist. Dies ist mit ein Grund, weshalb die Unternehmensgewinne in Europa in den letzten Jahren trotz eines relativ schwachen Konjunkturwachstums kräftig gestiegen sind.

Für die Regierungen der einzelnen Länder gestaltet sich die Situation schwieriger. Staatliche Vorsorgesysteme sind bald nicht mehr finanzierbar. Deshalb äussern sich die Politiker vermehrt zum Thema Rentenreform und fordern oft eine Erhöhung der Vorfinanzierung. Davon dürften der Vorsorge- und Vermögensverwaltungssektor profitieren. Immer mehr Privatpersonen zweifeln an den staatlichen Vorsorgelösungen und kümmern sich zunehmend selbst um die Finanzierung ihres Ruhestands. Aus diesem Grund dürften die Sparquoten sowie die Nachfrage nach einem breiten Angebot an privaten Vorsorge- und Anlageprodukten steigen.

Ein demographisch bedingter Wachstumsrückgang in den Industrieländern wird dazu führen, dass sich Anleger auf der Suche nach angemessenen Ren­diten vermehrt Regionen zuwenden müssen, die ein höheres Risiko bergen. In der Vergangenheit waren die Schwellenländer überwiegend im Primär­sektor - beispielsweise im Bergbau - tätig. Doch heute tragen sie massgeblich zum weltweiten Produktionswachstum im Industriesektor bei. Folglich dürfte sich das Anlegerverhalten grundlegend ändern. Boten sich Wertpapiere der Schwellenmärkte bisher noch als Beimischung an, so gelten sie je länger, je mehr als unverzichtbarer Bestandteil eines gut diversifizierten Portfolios.

Zahlreiche Branchen wie etwa das Gesundheitswesen werden im Zuge der Bevölkerungsalterung rascher wachsen. Produkte, die bisher einzig in Spitälern zur Verfügung standen, wie elektronische Blutdruckmessgeräte, werden vermehrt auf den Konsumgütermarkt gelangen. Automatische externe Defi­brillatoren sind ein weiteres Beispiel. Einst gehörten sie zur Ausstattung von Notaufnahmen und Ambulanzen. Heute sind die kleinen, leicht bedienbaren Geräte, die bei Herzstillstand Leben retten können, zunehmend Standard in Büros und Fabriken.

Nintendo, der Hersteller von Unterhaltungssoftware, entwickelte ein Produkt, mit dem sich dem Alterungs­effekt entgegenwirken lässt. Das Videospiel für die Handkonsole Nintendo DS heisst "Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging: Wie fit ist Ihr Gehirn?" und ist bei älteren Menschen sehr beliebt - eine reife Leistung für ein Unternehmen der ­Videospielbranche. Das Spiel besteht aus schnellen und anspruchsvollen ­Übungen mathematischer, kognitiver und sprachlicher Art, die laut Nintendo die Gehirnaktivität stimulieren. In Japan ist dieses Videospiel immer häufiger in Arztpraxen zu finden, wo es den Patienten die Wartezeit verkürzen soll. Auch in anderen Teilen der Erde gewinnt es an Beliebtheit.

Vielleicht sind es sogar die älteren Menschen selbst, die am meisten gegen die gesellschaftlichen Auswirkungen der Alterung tun. Immer mehr haben vor, nach der Pensionierung weiterzuarbeiten, weil eine sinnvolle Tätigkeit sie befriedigt und sie so aktiv bleiben. Eine Untersuchung von UBS in den USA ergab jüngst, dass 77% der Befragten nach ihrer Pensionierung einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen wollen, um ihr Einkommen aufzubessern. Vor zehn Jahren waren es noch 70%.

Die Brücke ins Alter

Das institutionelle Vermögensverwaltungsgeschäft von UBS ist am deutlichsten von der demographischen Entwicklung betroffen. Der Schwerpunkt liegt nach wie vor auf der Betreuung von Vorsorgeplänen, aber auch auf neuen Fragen, mit denen sich bestehende und potenzielle Kunden befassen müssen. Im Zentrum stehen ins­besondere Leistungsprimatkassen mit Unterdeckung. Die Verlagerung vom Leistungs- zum Beitragsprimat wird sich voraussichtlich in hohem Tempo fortsetzen, und die Unternehmen versuchen ihre Bilanzen gegen die negativen Auswirkungen der Überalterung abzusichern. Investmentbanken bieten Pensionskassen seit Kurzem Beratungsdienstleistungen im Bereich Liability-Led Asset Management an, wo Derivate und strukturierte Produkte zum Einsatz kommen, um das mit der Langlebigkeit verbundene Risiko sowie das Anlage­risiko besser zu verteilen.

In den kommenden Jahren werden sich Privatkunden vermehrt mit dem Wunsch nach Vorsorgeberatung und -produkten an UBS wenden, um ihren Ruhestand zu planen und länger geniessen zu können. Damit geht ein verändertes Verhalten beim Alterssparen, bei der Verwendung der Ersparnisse nach der Pensionierung sowie der Übertragung der Gelder an die Erben einher. Die Verschiebung der demographischen Verhältnisse, die derzeit im Gang ist, stellt für globale Finanzdienstleister eine ­Riesenchance dar. Denn aus demographischer Sicht ist zu erwarten, dass eine hohe Zahl von Kunden ähnliche Bedürfnisse in Sachen Pensionsplanung und Ruhestand anmelden wird. Diesen Kunden überzeugende Lösungen zu bieten, wird für die Finanzbranche eine dauerhafte und anspruchsvolle Herausforderung darstellen.

UBS lancierte im April 2006 die "Global Retirement Initiative", um die Chancen zu nutzen, die die Bevölkerungsalterung in den wichtigsten Märkten eröffnet. Zu den neuen Projekten zählt auch die "Baby Boomer Initiative", die sich der Bedürfnisse eines potenziellen Markts von 58 Millionen US-Haushalten mit Vermögenswerten von insgesamt mehr als 1200 Milliarden US-Dollar annimmt. Für Deutschland und die Schweiz laufen ähnliche Projekte. Initiativen für Frankreich, Grossbritannien, Italien und Spanien folgen in Kürze.

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