Er meinte damit, wie irrelevant langfristige Trends im Hinblick auf aktuelle wirtschaftliche Probleme sind. Heute aber wird
seine Aussage allgemein als Ausdruck von Fatalismus verstanden. Die Geburt ist nicht mehr als eine aufgeschobene Todesstrafe.
Doch die Zeit zwischen Geburt und Tod wird für die meisten von uns immer länger - zumindest statistisch gesehen.
Wir leben immer länger. In Grossbritannien bestehen Pläne, das offizielle Rentenalter sukzessive auf 68 Jahre zu erhöhen.
Dies entspricht mehr als dem Doppelten der durchschnittlichen Lebenserwartung von 33 Jahren eines Briten im Mittelalter. Und
je älter die Menschen werden, desto länger werden sie wahrscheinlich arbeiten, sei es freiwillig oder aus schierer Notwendigkeit.
Dies beeinflusst massgeblich die Art, wie jeder Einzelne von uns Geld ausgibt, spart und investiert - und hat strukturelle
Auswirkungen auf die Wirtschafts-, Unternehmens- und Finanzwelt.
Steigt unsere Lebenserwartung etwa noch weiter? Durchaus denkbar. Alterstrends zufolge hat die maximale Lebenserwartung in
den letzten 160 Jahren um drei Monate zugenommen - pro Jahr. Hatten die Schweden 1840 mit durchschnittlich 45 Jahren noch
die höchste Lebenserwartung, so liegen heute die Japanerinnen mit 85 Jahren an der Spitze. Das Problem: Verschiedene gesellschaftliche
Entwicklungen überschneiden sich mit demographischen Trends. Die Medizin macht kontinuierlich grosse Fortschritte, was einer
der Hauptgründe für unsere lange Lebensdauer ist. Die Generation der Babyboomer geht langsam in Rente, während Familien immer
weniger Kinder haben. Etliche Studien haben sich mit den Auswirkungen dieser Trends befasst. Die Ergebnisse sind ernüchternd.
Hält die Entwicklung an, wird in Japan bald ein Erwerbstätiger jeweils einen Rentner finanzieren müssen.
Eine einfache Lösung könnte in der verstärkten Einwanderung von Arbeitskräften aus dem Ausland liegen. Angesichts der anhaltend
hohen Zuwanderungsraten, die notwendig wären, ist dies jedoch ein unrealistisches Szenario. In reifen Volkswirtschaften könnten
Produktivitätssteigerungen den Alterseffekt teilweise kompensieren. Doch sieht es ganz danach aus, als würde der Rückgang
der Anzahl Erwerbstätiger - und der Produktion - das Wachstum dort zumindest vorübergehend bremsen.
Welche Folgen hat dies für die Unternehmen in den Industrieländern? Einige werden ganz einfach parallel zur Erwerbsbevölkerung
schrumpfen. Viele andere dagegen werden sich der Zukunft stellen und geografisch diversifizieren. Damit verringern sie die
Abhängigkeit ihrer Ertragsströme von ihren angestammten Absatzmärkten. Studien von UBS zufolge erwirtschaften europäische
Unternehmen bereits 35% ihrer Erträge ausserhalb Europas, während in den USA 40% der Firmengewinne aus Direktinvestitionen
in Schwellenländern stammen, in denen die Bevölkerung weiter wächst und das wirtschaftliche Potenzial praktisch unbegrenzt
ist. Dies ist mit ein Grund, weshalb die Unternehmensgewinne in Europa in den letzten Jahren trotz eines relativ schwachen
Konjunkturwachstums kräftig gestiegen sind.
Für die Regierungen der einzelnen Länder gestaltet sich die Situation schwieriger. Staatliche Vorsorgesysteme sind bald nicht
mehr finanzierbar. Deshalb äussern sich die Politiker vermehrt zum Thema Rentenreform und fordern oft eine Erhöhung der Vorfinanzierung.
Davon dürften der Vorsorge- und Vermögensverwaltungssektor profitieren. Immer mehr Privatpersonen zweifeln an den staatlichen
Vorsorgelösungen und kümmern sich zunehmend selbst um die Finanzierung ihres Ruhestands. Aus diesem Grund dürften die Sparquoten
sowie die Nachfrage nach einem breiten Angebot an privaten Vorsorge- und Anlageprodukten steigen.
Ein demographisch bedingter Wachstumsrückgang in den Industrieländern wird dazu führen, dass sich Anleger auf der Suche nach
angemessenen Renditen vermehrt Regionen zuwenden müssen, die ein höheres Risiko bergen. In der Vergangenheit waren die Schwellenländer
überwiegend im Primärsektor - beispielsweise im Bergbau - tätig. Doch heute tragen sie massgeblich zum weltweiten Produktionswachstum
im Industriesektor bei. Folglich dürfte sich das Anlegerverhalten grundlegend ändern. Boten sich Wertpapiere der Schwellenmärkte
bisher noch als Beimischung an, so gelten sie je länger, je mehr als unverzichtbarer Bestandteil eines gut diversifizierten
Portfolios.
Zahlreiche Branchen wie etwa das Gesundheitswesen werden im Zuge der Bevölkerungsalterung rascher wachsen. Produkte, die bisher
einzig in Spitälern zur Verfügung standen, wie elektronische Blutdruckmessgeräte, werden vermehrt auf den Konsumgütermarkt
gelangen. Automatische externe Defibrillatoren sind ein weiteres Beispiel. Einst gehörten sie zur Ausstattung von Notaufnahmen
und Ambulanzen. Heute sind die kleinen, leicht bedienbaren Geräte, die bei Herzstillstand Leben retten können, zunehmend Standard
in Büros und Fabriken.
Nintendo, der Hersteller von Unterhaltungssoftware, entwickelte ein Produkt, mit dem sich dem Alterungseffekt entgegenwirken
lässt. Das Videospiel für die Handkonsole Nintendo DS heisst "Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging: Wie fit ist Ihr Gehirn?" und
ist bei älteren Menschen sehr beliebt - eine reife Leistung für ein Unternehmen der Videospielbranche. Das Spiel besteht
aus schnellen und anspruchsvollen Übungen mathematischer, kognitiver und sprachlicher Art, die laut Nintendo die Gehirnaktivität
stimulieren. In Japan ist dieses Videospiel immer häufiger in Arztpraxen zu finden, wo es den Patienten die Wartezeit verkürzen
soll. Auch in anderen Teilen der Erde gewinnt es an Beliebtheit.
Vielleicht sind es sogar die älteren Menschen selbst, die am meisten gegen die gesellschaftlichen Auswirkungen der Alterung
tun. Immer mehr haben vor, nach der Pensionierung weiterzuarbeiten, weil eine sinnvolle Tätigkeit sie befriedigt und sie so
aktiv bleiben. Eine Untersuchung von UBS in den USA ergab jüngst, dass 77% der Befragten nach ihrer Pensionierung einer Teilzeitbeschäftigung
nachgehen wollen, um ihr Einkommen aufzubessern. Vor zehn Jahren waren es noch 70%.