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Nach seinem ersten öffentlichen Konzert im Alter von fünf Jahren nahm Maxim Vengerov seine riesige Weltkarte und markierte jeden Ort, an dem er noch auftreten wollte, mit einer Stecknadel. «Ich wollte überallhin, irgendwohin. Dieser Traum erfüllt sich nun jedes Jahr ein bisschen mehr.» Eine der Nadeln traf wohl auch China. Doch dort war – als Maxim Vengerov zu
Sowjetzeiten in Nowosibirsk aufwuchs – klassische Musik aus dem
Westen schon seit Jahren verboten. Die westliche Kultur fand im Untergrund
statt.
Eines Tages steht Vengerov am Pekinger Flughafen und wartet auf seine
Abreise. Es ist der Morgen nach seinem Auftritt am siebten Beijing
Music Festival, an dem er für seine Beethoven-Interpretation begeistert,
ja frenetisch gefeiert wurde. Ein spezielles Erlebnis für einen
Künstler, der fest an die kulturübergreifende und verbindende Kraft
der Musik glaubt. «Ich spiele für Menschen unterschiedlicher sozialer,
nationaler und religiöser Herkunft. In unserer hektischen Zeit, in
der die gesellschaftlichen Gegensätze immer grösser werden, fällt mir
eines besonders auf: Sobald ich die Bühne betrete, verwandelt sich jeder
Konzertsaal in einen Tempel der Kunst. Die Musik bringt eine Botschaft
von Einigkeit, Freundschaft und Liebe.»
Diese Botschaft soll auch ausserhalb der Konzertsäle Gehör finden. So hat Maxim Vengerov in seiner Funktion als Goodwill-Botschafter der Unicef für entführte Kindersoldaten in Uganda gespielt, für benachteiligte
Kinder in Harlem, für drogenabhängige junge Menschen in Thailand sowie für Kinder aller Ethnien des Balkans.
Die als Soldaten missbrauchten Kinder versammelte er in einem abgeschiedenen Winkel Ugandas und verzauberte sie mit einer seiner liebsten
Zugaben – der Geschichte vom Stier Ferdinand. Wenn Maxim Vengerov
diese klassische Kindergeschichte allein mit Hilfe seiner Violine erzählt,
der er eine unglaubliche Vielfalt an Klängen entlockt, ist dies reine musikalische
Komik. Dasselbe Stück wird er auf seiner Tournee auch in der Suntory Hall in Tokio zum Besten geben. «Die Musik ist das Esperanto, das jeder versteht. Es ist wirklich faszinierend: Mit Musik lässt sich eine Botschaft vermitteln, für die
niemand eine Übersetzung braucht.»
Wie die meisten klassischen Kindergeschichten ist auch diese eine Parabel.
Die 1936 entstandene Erzählung handelt vom Stier Ferdinand,
der sich strikt weigert, in der Arena von Madrid zu kämpfen. Das erste
Mal spielte Maxim Vengerov «Ferdinand » mit einem Orchester im Sommer 2004 am Verbier Festival – im Anschluss an eine Aufführung von Benjamin Brittens elegischem Violinkonzert. Britten hatte das Werk 1938 im Gedenken an die Menschen komponiert, die im Kampf gegen General Franco im
spanischen Bürgerkrieg gefallen waren. Dieser Konflikt markierte den
Beginn von Brittens lebenslangem Pazifismus.
Mit seiner starken Bühnenpräsenz fesselt Vengerov das Publikum wie
kaum ein anderer. Doch fordern diese pausenlosen Emotionen, die «Entblössung auf der Bühne», wie er es nennt, nicht ihren Tribut? Im Alter
von 30 Jahren hat er in seinem Beruf alles erreicht und gilt als einer der
grossen Violinisten unserer Zeit. Könnte diese Begabung nicht auch
zu einer Last werden und den Geist der Erschöpfung heraufbeschwören,
dem schon so viele Wunderkinder zum Opfer gefallen sind?
«Solange die Musik nicht einfach zur Routine, zu eigentlicher Arbeit
verkommt, kann ich mein Interesse daran nicht verlieren. Deshalb lerne
ich ständig dazu. Es ist wie bei einem Bodybuilder: Hört er auf zu
trainieren, werden seine Muskeln zu Fett.» 2005 gönnt er sich dennoch
eine Auszeit. «Ich brauche etwas mehr Distanz. Ich will wieder
studieren und mich anderen Dingen widmen. Am liebsten würde ich
Unterricht in Jazzvioline nehmen, weitere Sprachen und Tango lernen.
Ich will mich ständig weiterentwickeln. Ist man nämlich mit sich selbst zufrieden,
hat man eine Grenze erreicht – und bald keine Freude mehr an dem, was
man tut.»
Die stete Suche nach neuen Herausforderungen scheint zum Nomadenleben
und zur Rastlosigkeit des Eklektikers zu passen. Sogar seine Finger sind ständig in Bewegung – zu einer Musik, die nur in einem Kopfspielt. Maxim Vengerov hat nicht nur keinen festen Wohnsitz. Sein ganzes Leben bis 2008 ist
auf drei A4-Seiten zusammengefasst, der etwas handlicheren Version
seiner grossen Weltkarte. Die Fixpunkte in seinem Zigeunerleben
bilden die engen Familienbande und seine engagierte Arbeit mit jungen Menschen.
Seit vier Jahren unterrichtet er an der Musikhochschule des Saarlandes
in Deutschland. «Der Unterricht geht über die Musik hinaus, manchmal schliesst er auch philosophische oder gar psychologische Aspekte
ein. Diese Vielfalt ist sehr befriedigend. In gewissen Lektionen geht es nicht primär um die Musik, sondern um die Person, die vor mir steht.»
«Ich empfinde es als grosses Glück, dass mich bereits in jungen Jahren
so viele Menschen unterstützten, allen voran meine Eltern und Grosseltern.
Meine Mutter war als Chorleiterin an einer lokalen Schule, wo sie mit 500
Kindern zusammenarbeitete, sehr beschäftigt. Dennoch nahm sie sich
nach einem anstrengenden Tag jeweils Zeit, um mit mir zu üben. So konnte
ich meine Fähigkeiten voll entfalten. Ich war stets von Menschen umgeben,
die mich prägten und meine Begabung förderten. Dies waren zunächst
meine Lehrer, später renommierte Dirigenten wie Daniel Barenboim
und Slava Rostropowitsch, den ich als meinen musikalischen
Vater bezeichnen würde. Schliesslich gelangte ich an einen Punkt, an
dem ich mein Wissen weitergeben wollte. Im Alter von 26 Jahren begann
ich zu unterrichten – mein erster Student war 27.»
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«Hätte ich die Möglichkeit und die notwendigen Mittel, würde ich Musik
an jeder Schule als Unterrichtsfach einführen. Jedes Kind saugt Musik auf wie ein Schwamm. Wenn es sich langweilt, treibt es sich auf der Strasse herum. Das habe ich von meiner Mutter gelernt. Sie hat die Kinder von der Strasse geholt und sie in Musik unterrichtet.»
Derzeit tourt Maxim Vengerov mit dem UBS Verbier Festival Orchestra
unter der Leitung von Charles Dutoit durch Asien. Das Orchester
besteht aus jungen Musikern zwischen 17 und 29 Jahren aus mehr
als 30 Ländern. Mit einem jungen Orchester auf Tournee zu gehen
und zu spielen, ist selbst für Profis ein einzigartiges Erlebnis. Die Auftritte
sprühen vor Energie, und selbst das Reisen wird wieder zu einem
Abenteuer, denn auf einem Flug kommt es durchaus auch mal zu einer Kissenschlacht.
«Als ich das erste Mal vom neuen Orchester hörte, fand ich die Idee brillant. Für junge Musiker gibt es nichts Besseres. Sie kommen nach Verbier, werden von all diesen Profis instruiert und spielen unter den renommiertesten Dirigenten wie Levine, Dutoit und Gergiev, um nur wenige zu nennen. Und dann folgt
die Tournee. Was kann man sich als junger Mensch mehr wünschen? Man eignet sich all dieses Wissen an und entwickelt sich zu einem exzellenten
Berufsmusiker. Abgesehen davon ist es eine unvergessliche Erfahrung.
Dieses Projekt ist sehr fundiert.»
Eines der jungen Orchestermitglieder, eine Violinistin, ist in Nowosibirsk
aufgewachsen. Sie erzählt: «Maxim war unser grosses Vorbild ... und der
Grund, weshalb sich so viele von uns für die Violine entschieden haben. Mit
ihm zu spielen, ist wie ein Traum, der wahr wird. Einfach unvergesslich.»
Von Benjamin Britten stammt das bekannte Zitat: «It is cruel, you know, that music should be so beautiful.» («Die Schönheit der Musik ist eine Qual.»). Als ultimative Interpretation von Brittens Violinkonzert gilt nach weit verbreiteter Ansicht jene von Maxim Vengerov, der das Werk gemeinsam mit Slava Rostropowitsch aufnahm, seinem Mentor und Brittens engem Freund. Trotz seiner unvergleichlichen Fähigkeit, die Schwermut der Musik zum Ausdruck zu bringen, strahlt Maxim Vengerov mit einem enormen Optimismus auch die Kraft und Bedeutung ihrer Schönheit aus. «Musik ist das wirksamste Mittel zur Förderung von Menschlichkeit.»
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