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Der Schreibtisch und der Computer von Jules Pipe wirken in dem grossen,
holzverkleideten Art-déco-Büro aus den Dreissigerjahren nicht
gerade wie die Insignien der Macht. Vor allem wenn man bedenkt, dass
von hier aus einer der grössten Londoner Stadtbezirke verwaltet wird –
und zudem einer, der nicht den besten Ruf hat: Hackney.
Jules Pipe ist einer von insgesamt nur elf direkt gewählten Bürgermeistern
in Grossbritannien. Für einen Aussenstehenden mag dies nach
einem grossartigen Amt klingen. Doch fünf Jahre politische Führungslosigkeit hatten ihre Spuren hinterlassen. Die nationale Regierung
musste intervenieren, nachdem Hackney beinahe Bankrott gegangen
war. Nach der Wahl Pipes zum Bürgermeister im Jahr 2002 und einer Phase ausgeglichener Budgets geht es heute friedlicher zu und her: Der Abfall in den Strassen wird wieder entsorgt, und das Geld reicht aus, um nachts die Strassenbeleuchtung einzuschalten.
Die Ironie des Ganzen: Hackney liegt direkt vor den Toren der City
of London, nur einen Steinwurf vom weltweit zweitgrössten Finanzzentrum
entfernt – ein zweischneidiges Schwert. Denn die britische Regierung erwartet von den Unternehmen, dass sie sich stärker für die
Gemeinschaft engagieren. Diese schicken denn auch immer mehr
Mittel und Freiwillige nach Hackney oder in dessen Nachbarbezirke
im Osten Londons. Doch worin besteht der konkrete Nutzen solchen Tuns?
«Einige Unternehmen engagieren sich schon seit geraumer Zeit und
pflegen eine gute Beziehung zu den lokalen Behörden. Mit ihnen haben
wir bereits zahlreiche Projekte mit sichtbaren Ergebnissen verwirklicht.
Dabei handelt es sich um mehr als punktuelle Einsätze, die vornehmlich
der Teambildung im betreffenden Unternehmen dienen» meint Pipe.
Er hält inne, um an einem kleinen runden Tisch neben seinem Schreibtisch
Kaffee zu servieren. Von seinem Bürofenster aus blickt Pipe auf das renovierte Hackney Empire Theater, wo am Vorabend eine Fernsehshow mit zahlreichen Popstars stattgefunden hat – darunter Robbie Williams, der seine neue Single «Misunderstood» vorstellte.
«Wirklich wertvoll sind unter anderem die aktuellen Mentoring-Programme
an den Schulen. Wir haben hier ein fantastisches und gut etabliertes
Programm für Kinder, und ein anderes für Erwachsene kommt langsam in Gang. Qualifizierte Mitarbeiter aus den Unternehmen kommen beispielsweise regelmässig in den Schulen vorbei und vermitteln den Rektoren die nötigen Grundlagen in Bereichen wie Buchhaltung und Beschaffung», so Pipe.
Werden solche Beziehungen über Jahre gepflegt, kann daraus ein natürliches
Vertrauen zwischen staatlichen und privaten Organisationen wachsen.
Solche Projekte können auch die Grundlage für weiterreichende, ehrgeizigere
Bemühungen bilden, wie beim «City Academy»-Programm, das die Sekundarschulbildung in benachteiligten Stadtteilen mit Hilfe des
Privatsektors fördert. UBS unterstützt eine dieser Schulen, die neue
Bridge Academy in Hackney, die dereinst 1100 Schülerinnen und Schüler aufnehmen soll.
«Mit der Beteiligung an dieser Schule ist UBS ein neues, längerfristiges
und konkreteres Engagement eingegangen. UBS hatte schon im Mentoring-
Programm mitgemacht und stiess daher bei allen Beteiligten auf breite
Akzeptanz», bestätigt Pipe. «Auch diese Schule wird Erfolg haben. Sie wird so beliebt sein wie die Osborne City Academy, wo zum ersten Informationsanlass
3000 interessierte Eltern erschienen. Die Schule nimmt meines Wissens pro Jahr rund 180 Schülerinnen und Schüler auf», erzählt Pipe.
UBS wird sich aus dem Lehrplan der Schule vollständig heraushalten
und einzig dort ihre Unterstützung anbieten, wo es sinnvoll ist. Im Endeffekt
ist UBS aber ein Unternehmen, und ein Unternehmen erwartet
irgendwann eine Gegenleistung. Das wirft natürlich die Frage auf, welche Art von Gegenleistung UBS von ihrem Engagement in Hackney erwarten kann.
«Vieles davon ist kaum messbar. Nehmen wir das Mentoring. Wenn jemand im Laufe dieses Programms mehr Vertrauen und Zuversicht entwickelt – wie
wollen Sie das in Zahlen ausdrücken? Vielleicht hätte sich der Erfolg
auch ohne Mentoring eingestellt. Vielleicht aber auch nicht. Unternehmen helfen in vielerlei Hinsicht: Ihr Engagement stützt Projekte, sorgt für Bewegung und Dynamik», erläutert Pipe.
Heisst das, die Unternehmen sollten eigentlich eine Aufgabe übernehmen, die ursprünglich dem Staat zugedacht ist?
«Zweifelsohne füllen sie eine Lücke, entsprechen einem Bedürfnis. Denn würden die öffentliche Hand und deren Massnahmen perfekt funktionieren, gäbe es in der
Tat Doppelspurigkeiten. Dem ist aber nicht so. Natürlich haben wir Arbeitsvermittlungsstellen und auch Ausbildungsprogramme. Dennoch
fallen immer wieder Leute durch dieses Netz. Privat finanzierte Programme richten sich an genau diese Leute und versuchen, sie wieder in die Arbeitswelt einzugliedern. Gestern Abend habe ich von diversen Leuten gehört, die im Fertigungssektor eine Stelle gefunden haben. Durchschnittlich waren diese
Personen 18 Monate arbeitslos. Offensichtlich wirken die Unternehmensinitiativen
in Fällen, in denen der Staat die Arbeitsmarktfähigkeit der Betroffenen
nicht hat sicherstellen können. Übernehmen die Firmen deswegen die Rolle des Staates? Nein. Sie unterstützen und helfen, wo andere Massnahmen versagt haben», erklärt Pipe.
Hackney ist nach wie vor mit einer Reihe heikler langfristiger Probleme konfrontiert: ausgeprägte Armut in gewissen Gegenden, überteuerte
Wohnungspreise in anderen, Bandenkriminalität sowie fehlende Anbindung
an den öffentlichen Verkehr. Und doch sind die Fortschritte in den letzten vier Jahren beachtlich. Pipe bleibt zuversichtlich, dass der Stadtbezirk heute
mehr denn je sein Potenzial entfalten kann – insbesondere bei der Bildung
und den Arbeitsplätzen.
«Unser Bezirk ist in vielerlei Hinsicht benachteiligt, doch haben wir das Glück, an die reichste Quadratmeile Grossbritanniens anzugrenzen. Wir müssen sehen, dass dieser Reichtum auch uns zugute kommt. Doch geht es nicht einfach ums Profitieren. Es ist genauso wichtig, dass wir zum Beispiel Programme zur Vermittlung von Stellen schaffen, vor allem von solchen, die der City in irgendeiner Weise nützlich sind. Schliesslich kann nicht jeder in Hackney Börsenhändler oder Banker werden.»
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