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Wer an die Börse denkt, denkt sofort an Wall Street – und damit an die New York Stock Exchange (NYSE) als Inbegriff des Börsenhandels. Zu den Abendnachrichten im Fernsehen gehört die obligate Meldung, um wie viele Punkte der Dow Jones im Tagesverlauf gestiegen oder gefallen ist.
Die leicht geheimnisumwitterte Institution Wall Street hat das Geschehen
in der Finanzwelt während der letzten hundert Jahre massgeblich
mitbestimmt. Seit einiger Zeit jedoch weckt der Gedanke an Wall
Street auch negative Assoziationen: Corporate-Governance-Skandale,
Interessenkonflikte von Analysten, Klagen vor Gericht. Doch John
Thain, CEO der NYSE, gibt Gegensteuer: Seinen Glauben an die
Zukunft der Börse und der Finanzmärkte begründet er auf ebenso
überzeugende wie unspektakuläre Weise.
«2004 wurde allein in den USA neues Aktienkapital in Höhe von über 500 Milliarden US-Dollar aufgenommen. Das ist wohl der beste Beweis dafür, dass Wachstum weiterhin stattfindet und nach wie vor Kapitalbedarf besteht. Es fliessen auch weiterhin Mittel in den Private-Equity-Bereich, und solche
Anlagen werfen nach wie vor attraktive Renditen ab. So entstehen
letztlich neue Unternehmen, und auch die Börsengänge (IPO) nehmen
zu», erklärt er.
Gleichzeitig ist sich John Thain darüber im Klaren, dass aus den
Vorfällen seit dem Jahr 2000 gewisse Lehren gezogen und Anpassungen
vorgenommen werden müssen. Laut ihm sind die Finanzdienstleister
nun gefordert, das angeschlagene Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen
und dem erlittenen Imageverlust der Branche entgegenzuwirken.
«Keine Frage, das Platzen der Börsenblase, Betrugsfälle wie jene von
WorldCom und Enron sowie die jüngsten Fondsskandale
haben das Vertrauen der Anleger erschüttert
und dem Ansehen der Finanzindustrie geschadet. Ich denke, wir
sind inzwischen wieder auf gutem Weg, doch vieles bleibt
noch zu tun. Denn das Anlegervertrauen ist die Lebensgrundlage für
unser Geschäft. Deshalb müssen wir alle gemeinsam daran arbeiten,
dieses Vertrauen wiederherzustellen », sagt Thain.
Skeptiker könnten an dieser Stelle einwenden, die Branche hätte in den
letzten vier Jahren zwar gelitten, mehr als reine Lippenbekenntnisse,
die bestenfalls dem eigenen Vorteil dienen, seien dabei jedoch nicht herausgekommen. Dem widerspricht Thain sofort.
«Nun, ich denke, Ehrlichkeit und Integrität sind für die Finanzindustrie
von grundlegender Bedeutung. Es sind Schlüsselwerte und meiner
Ansicht nach für jeden langfristig orientierten Anbieter alles andere
als leere Floskeln. Verlieren die Anleger – vor allem die privaten – nämlich
ihr Vertrauen, so ziehen sie sich von der Börse zurück. Ihr Geld müssen
sie nicht gezwungenermassen an den Finanzmärkten investieren.
Sie können es genauso gut auf ihrem Bankkonto lassen. Darum ist es extrem
wichtig, dass wir weiterhin auf die Werte Ehrlichkeit und Integrität setzen», sagt Thain.
Dies sei jedoch bei Weitem nicht der einzige Grund, fügt er hinzu.
«Mit der Zeit werden sich die Marktbewertungen dahingehend unterscheiden,
ob und wie gut es den Firmen gelingt, Ehrlichkeit und Integrität als Bestandteil ihrer Unternehmenskultur zu sehen und sich auch tatsächlich danach zu verhalten» meint er.
Am Beispiel der NYSE zeigt er auf, dass die Corporate Governance –
also die Frage nach der Rollen- und Kompetenzverteilung in einem Unternehmen im Interesse der Aktionäre – dafür unerlässlich ist.
«Die Corporate Governance wurde deutlich verbessert. Die NYSE hat
viele Neuregelungen eingeführt. Etliche davon sind in den
Sarbanes-OxleyAct (SOX) eingeflossen, ein 2002 in den USA verabschiedetes
Gesetz zur Stärkung der Corporate Governance. All dies hat wesentlich
dazu beigetragen, die Corporate Governance in den USA insgesamt zu verbessern. Hier nur einige Beispiele: Die NYSE schreibt für börsenkotierte Firmen heute vor, dass die unabhängigen Verwaltungsräte
in der Mehrheit sind und ihre Sitzungen getrennt von jenen des Managements stattfinden. Verlangt wird auch die völlige Unabhängigkeit der Revisions-, Kompensations- und Nominationsausschüsse », so Thain.
Viele der Unternehmen, die sich angesichts der neuen Massnahmen
über eine Überregulierung beklagen, haben laut Thain das Wesentliche
nicht begriffen.
«Die Unternehmen können die Vorschriften des SOX entweder als bürokratische Übung betrachten, als Checkliste, auf der alle Punkte erfüllt
sein müssen. Oder sie können sie als Chance wahrnehmen, ihre
Kontrollstruktur, ihr Management- Informationssystem und ihre internen
Prozesse tatsächlich zu überdenken und nötigenfalls zu verbessern.
Ich hoffe, dass die meisten Unternehmen zur zweiten Sichtweise neigen», sagt Thain.
Doch auch die Anleger sollten ihre Lektion gelernt haben. Bevor sie Geld in ein Unternehmen investieren, sollten sie sich genau informieren.
«Ist der Verwaltungsrat wirklich mehrheitlich unabhängig, und wie gut funktioniert er? Diese Frage ist entscheidend. Wie gut informiert das Unternehmen über seine Geschäftstätigkeit, was geht in den einzelnen Geschäftseinheiten vor, und wie steht es mit der Bilanz? Will ich beurteilen,
inwiefern ein Unternehmen seine Corporate Governance verbessert
hat, so sind für mich der Grad der Unabhängigkeit und die Transparenz
die beiden entscheidenden Faktoren», fasst er zusammen.
Also müssen Unternehmen bloss ihre internen Abläufe und Kontrollen
ändern und die Anleger die Bilanzzahlen unter die Lupe nehmen,
bevor sie investieren – und schon ist alles wieder im Lot. Ganz
so einfach ist es leider nicht, denn am Horizont lauern einige latente
Gefahren für die Stabilität der Finanzmärkte.
«Was die Bedrohung der Stabilität anbelangt, müssen verschiedene
Ebenen betrachtet werden. Auf globaler Ebene beispielsweise geben
der Terrorismus und seine Folgen ständig Anlass zur Sorge. Auf makroökonomischer Ebene bereiten die Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen weltweit und insbesondere den USA Kopfzerbrechen, weil
dadurch der US-Dollar gegenüber anderen wichtigen Währungen unter
Druck gerät», erklärt Thain.
Trotzdem glaubt er nicht, dass die USA und ihre Finanzmärkte Gefahr
laufen, ihre führende Stellung in der Weltwirtschaftsordnung zu verlieren.
«Der Marktwert aller an der NYSE gehandelten Unternehmen beträgt
über 20 Billionen US-Dollar. Die US-Finanzmärkte bilden den grössten
Kapitalpool der Welt. Und es werden viele weitere Unternehmen
auf den US-Markt strömen: chinesische, indische, brasilianische und
europäische. Das bedeutet nicht, dass es keine anderen attraktiven
Märkte gibt. Dennoch glaube ich, dass internationale Unternehmen,
die sich den grössten Anlegerkreis weltweit erschliessen wollen, weiterhin
auf den US-Markt streben werden.»
«Unser Leistungsversprechen im Aktienhandel lautet: die besten Kurse,
die grösste Liquidität und tiefste Volatilität sowie die niedrigsten
Transaktionskosten. Damit wird die NYSE wohl immer die international
führende Börse bleiben», urteilt Thain.
| Unsere Wachstumsstrategie |
Die Finanzmärkte werden in den kommenden
Jahren immer globaler und
wichtiger, aber auch komplexer werden.
Die Vermögen privater und institutioneller
Kunden werden erstens weiter
wachsen und sich zweitens stärker konzentrieren.
Mit der Akzentuierung dieser
beiden Trends werden Privat-,
Firmen- und institutionelle Kunden auch
verstärkt Bedarf an umfassender, fortlaufender
Finanzberatung durch Experten
haben.
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